Der Versicherungsmarkt im Wandel: Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit künftig für Versicherungsprodukte?

Dem Thema „Nachhaltigkeit“ kann sich heute keine Branche mehr entziehen. So wird auch zunehmend von der Versicherungswirtschaft eine nachhaltigere Ausrichtung gefordert. Immer mehr Versicherer reagieren auf das neue Normativ und setzen Nachhaltigkeit nach unterschiedlichen Maßstäben um. Um Einheitlichkeit und Transparenz zu schaffen und die Branche in die Verantwortung zu nehmen, hat die Europäische Union in diesem Jahr mit einer neuen Taxonomie definiert, welche Anforderungen nachhaltige Versicherungen erfüllen müssen.

Jürgen Nief, Managing Director Carrier Management und Global Risk Consulting D-A-CH, berichtet über Herausforderungen, Chancen und Risiken nachhaltiger Versicherungen. Im Interview erklärt der Experte, welche nachhaltigen Lösungen es gibt, woran man sie erkennt und welche Weichen noch gestellt werden müssen.

Die Europäische Union hat erste Anforderungen an nachhaltige Versicherungsprodukte skizziert, die Anfang 2022 in Kraft getreten sind. Welche Kriterien müssen Versicherer danach erfüllen?

Jürgen Nief: Nach der neuen EU-Verordnung müssen Erstversicherer neben Investitionen auch sämtliche Versicherungsaktivitäten auf Nachhaltigkeit überprüfen und gegebenenfalls anpassen. Anders als bei den 17 Sustainable Development Goals bezieht sich die Taxonomie jedoch fast ausschließlich auf ökologische Ziele, also im weitesten Sinne auf den Klimaschutz. Die sechs Kriterien setzen sich zusammen aus:

  1. Klimaschutz
  2. Anpassung an den Klimawandel
  3. Nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen
  4. Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft
  5. Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung
  6. Schutz und Wiederherstellung der Biodiversität und der Ökosysteme

Sie sind schon einmal ein wichtiger Anfang. Aus meiner Sicht besteht aber Entwicklungsbedarf in wichtigen anderen Bereichen wie etwa der sozialen Nachhaltigkeit.

Und wie sollen diese Anforderungen umgesetzt werden?

Jürgen Nief: Nachhaltigkeit ist kein neues Thema. Unternehmen sämtlicher Branchen wurden bereits 2021 zum Handeln aufgerufen. Doch während Versicherer in der Vergangenheit vor allem ihre Kapitalanlagepolitik adjustiert haben, stehen nunmehr auch die Geschäfts- und die Risikopolitik unter einem enormen Anpassungsdruck. Handlungsbedarf besteht heute in den Bereichen „Preisgestaltung & Modellierung“, „Produktgestaltung“, „innovative Versicherungsleistungen“, „Datenaustausch“ und „Service im Schadenfall“

Mit welchen Herausforderungen sehen sich Versicherer dabei konfrontiert?

Jürgen Nief: Versicherungen und deren Produkt- und Preisgestaltungen basierten bis dato immer auf historischen Daten und messbaren Erfahrungswerten. Nachhaltigkeitsrisiken sind aber Neuland und liegen in der Zukunft. Künftig müssen also mehr und mehr Zukunftsszenarien geplant und unerwartete Ereignisse abgedeckt werden. Kaum ein Versicherer hätte beispielsweise Anfang letzten Jahres mit einer Flutkatastrophe wie im Ahrtal gerechnet. Versicherungsunternehmen müssen daher zunehmend mit sogenannten predictive analytics arbeiten und auch ihre Produkte und Preise danach ausrichten.

Wie könnte nachhaltiges Handeln in den fünf genannten Bereichen dann konkret aussehen?

Jürgen Nief: Mit Blick auf die Produktgestaltung könnten Versicherer ihren Kunden basierend auf modernsten Modellierungstechniken ­– sogenannten Forward-looking-Szenarien – Rabatte als Anreiz zur Risikominderung bieten oder bei der Produktgestaltung von Anfang an eine Prämienreduzierung bei Durchführung präventiver Maßnahmen inkludieren. Innovative Versicherungslösungen hängen natürlich stark von der Nachfrage der jeweiligen Versicherungsnehmer ab. Sie beinhalten aber beispielsweise spezielle Angebote für klimabedingte Risiken. Der Bereich Datenaustausch würde den Austausch von Schadendaten mit externen Dritten bedeuten und der Service schließlich immer eine schnelle Schadenbearbeitung voraussetzen.

Welche Vor- beziehungsweise Nachteile ergeben sich dadurch für Kunden?

Jürgen Nief: Versicherungsnehmer profitieren natürlich künftig zunehmend von innovativen und bedarfsorientierten Versicherungslösungen und der Möglichkeit, durch auf vorausschauenden Analysen gegründeten Präventionsmaßnahmen Schäden zu vermeiden und günstigere Angebote von ihren Versicherern zu erhalten.

Kritisch zu betrachten ist jedoch, dass viele Versicherungsunternehmen aus meiner Sicht zusehends Maßnahmen ergreifen, die weit über die heutigen EU-Anforderungen hinausgehen. Entweder, um sich für die Zukunft abzusichern oder, weil sie aus Reputationsgründen möglicherweise sogenanntes Greenwashing betreiben. Dieser Trend kann sich nachteilig auf bestimmte Unternehmen im Transformationsprozess auswirken, etwa wenn der Versicherungsmarkt für spezifische Bereiche, wie die Kohleenergie, plötzlich extrem limitiert ist. Bestimmten Kundenansprüchen wird man dann irgendwann nicht mehr gerecht. Die Herausforderung für Versicherer besteht also darin, auch bei einer Neuausrichtung, den gesamtwirtschaftlichen Auftrag zu erfüllen und Unternehmen in der Transformation, z. B. von der Kohle- zur Windenergie, zu begleiten, statt diese weiter einzuschränken.

Was auch nicht vergessen werden darf: Jegliche Maßnahmen für einen nachhaltigen Wandel erfordern erst einmal Investitionen, die sich sicherlich auch in der Preisgestaltung bemerkbar machen. Hier ist aber davon auszugehen, dass Preiserhöhungen sich mit der Zeit nivellieren werden.

Stichwort Greenwashing: Woran erkennen Kunden „echte“ Nachhaltigkeit, welche Nachweispflichten müssen Versicherer erfüllen und was passiert bei Nichteinhaltung?

Jürgen Nief: Versicherer und andere Finanzdienstleister müssen diverse Nachweispflichten erfüllen und mit öffentlichen Reportings transparent aufzeigen, wie sie beispielsweise das Geld ihrer Kunden anlegen und Nachhaltigkeitsziele in ihrem Unternehmen umsetzen. Diese Berichte bieten Kunden derzeit Orientierung. Da es heute noch keine klare und einheitliche Definition für nachhaltige Versicherungsprodukte gibt, fehlt es aktuell leider noch an offiziellen Zertifizierungen und Siegeln. Solche klaren Orientierungshilfen werden meines Erachtens aber sicherlich in den nächsten Jahren kommen.

Auch Sanktionen für die Nichteinhaltung nachhaltiger Verpflichtungen existieren heute nicht. Allerdings müssen solche Unternehmen mit einem starken Reputationsverlust und schlechter Presse rechnen, was in vielen Fällen zu hohen finanziellen Einbußen führen könnte und im schlimmsten Fall sogar die Existenz bedrohen könnte.

Können Sie konkrete Beispiele bereits existierender nachhaltiger Versicherungsprodukte beschreiben?

Jürgen Nief: Diese Produkte sind eher im Privatkundenbereich zu finden. Ganz aktuell werden bei einer neuen Wohngebäudeversicherung im Schadenfall Mehrkosten durch energetische Modernisierung oder umweltschonende Baustoffe bezahlt. Dazu zählen auch Fotovoltaikanlagen oder andere regenerative Wärmeanlagen, moderne Wärmeanlagen sowie Smart-Home-Anlagen und -Geräte.

Aber auch in anderen Sparten gibt es bereits seit einigen Jahren nachhaltige Ansätze, vor allem bei der Schadenregulierung eher auf Reparatur als auf Ersatz zu setzen und bei neuen Neuanschaffungen Parameter wie Energieeffizienz zu berücksichtigen.

Eine Branche im Wandel, fehlende Vergleichbarkeit, Greenwashing und eigene Transformationsverpflichtungen: Themen, die viele Unternehmen bei der Wahl eines Risikoträgers verunsichern dürften. Welche Unterstützung bietet Aon Kunden?

Jürgen Nief: Bei Aon verfolgen wir eine sogenannte „Drei-in-Eins“-Strategie: Wir identifizieren und bewerten bestehende ESG-Risiken mit den uns heute zur Verfügung stehenden Mitteln und damit einhergehende Markt- und Transformationsrisiken für unsere Kunden und entwickeln basierend darauf passende Lösungen.

Dabei beziehen wir das Thema Nachhaltigkeit immer in unsere Beratung mit ein, ohne jedoch den gesamtwirtschaftlichen Auftrag der Assekuranz aus den Augen zu verlieren. Wir suchen immer individuelle und bedarfsgerechte Lösungen für die Kunden und begleiten diese auch bei den Transformationsprozessen.


ESG

Regierungen, Unternehmen und Zivilgesellschaften stehen vor immer größer werdenden Herausforderungen: Sie alle sind aufgefordert, ihr Handeln so auszurichten, dass ein menschenwürdiges Leben überall auf der Welt möglich ist und die natürlichen Lebensgrundlagen dauerhaft bewahrt werden. Diese Handlungsmaxime umfasst ökonomische, ökologische und soziale Aspekte, auch bekannt als die sogenannten ESG-Kriterien.

ESG, das ist der Dreiklang aus Environment (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (verantwortungsvolle Unternehmensführung).

Der Bereich Environment beinhaltet Themen wie Umweltschutz, Energieeinsparung oder Entsorgung und Recycling.


Der Faktor Social beschäftigt sich unter anderem mit Chancen- und Lohngleichheit, sozialem Engagement oder der Einhaltung von Menschenrechten.


Governance legt den Fokus auf Transparenz und eine nachhaltige Unternehmensführung, unter anderem auch in der Finanzierung.

Nachhaltigkeit betrifft heute also nicht nur Umweltaspekte, sondern wird weitaus breiter gedacht.

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Jürgen Nief
Managing Director Carrier Management | Aon Global Risk Consulting
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