Frauen in der Schifffahrts-Branche: „Diesen Bereich hatte ich eigentlich nie auf dem Schirm“

Auf Schiffen herrscht ein rauher Ton, an Bord wird einiges an körperlicher Kraft abverlangt und wer in See sticht, muss sich darauf einstellen, für längere Zeit von Familie und Zuhause getrennt zu sein: Dinge, die wir traditionell mit der Schifffahrt verbinden und die viele Frauen auch heute noch automatisch davon abhalten, sich überhaupt mit dem Bereich zu beschäftigen. Dabei bietet die Schifffahrts-Branche viele spannende Berufsbereiche, die ebenso für Frauen attraktive Karrierechancen bereithalten.

Auch Anna Prost hatte den Bereich Schifffahrt zunächst nie für sich in Betracht gezogen. Heute ist die studierte BWLerin bereits seit 15 Jahren im Bereich maritime Versicherungen tätig und arbeitet seit zwei Jahren als Leiterin der Schifffahrtssparte bei Aon. Ihren beschrittenen Weg hat sie nicht eine Sekunde bereut. Als Expertin einer vermeintlichen Männerdomäne beschäftigt sie sich jeden Tag mit hochspannenden Themen.

Im Interview gibt Anna Prost einen Einblick in ihren interessanten Berufsalltag.

Sie haben Wirtschaft studiert und zunächst gar nicht geplant im Bereich Schifffahrt tätig zu werden. Was hat sie überzeugt?

Anna Prost: Wie so oft im Leben, öffnen sich manchmal ganz unverhofft Türen, hinter denen neue und vielversprechende Wege warten. So war es auch hier. Nach einem Bewerbungsgespräch in einem Shared Office Konzept bemerkte ich beim Gehen, dass ich meinen Regenschirm vergessen hatte. Als ich ihn holte, stieß ich auf einen Herren, der im Bereich der Marine-Versicherungen tätig war. Wir kamen ins Gespräch und kurzerhand sagte er mir, dass er noch Verstärkung für sein Team suche und fragte, ob ich nicht Interesse hätte. So kam eins zum anderen. Hätte ich meinen Regenschirm nicht vergessen, wäre ich heute vermutlich nicht, wo ich jetzt bin.

Heute führen Sie diesen Bereich bei Aon. Womit beschäftigen Sie sich in Ihrem Berufsalltag?

Anna Prost: Der Bereich Schifffahrt beschreibt ein äußerst umfangreiches Feld. Mit meinem Team beschäftige ich mich mit zahlreichen spannenden globalen Themen, die den Sektor in irgendeiner Form betreffen. Dazu gehört beispielsweise auch die Beratung und Versicherung von Werften oder schiffsfinanzierender Banken. Kerngeschäft sind aber die Schiffe und ihre Crewmitglieder selbst. Wie man sich vorstellen kann, sind hier immense Summen im Spiel – teilweise im Milliardenbereich. Ein Versicherer alleine kann solche Werte kaum decken. Unser Job ist es, diese Werte auf mehrere Versicherer zu verteilen. Dabei sind unsere Internationalität und unser breites globales Expertennetzwerk von großem Vorteil.

Unsere drei Schwerpunkte liegen auf der Haftpflicht-, der Kasko- und der Loss of Hire-Versicherung. Letztere ist gleichzusetzen mit einer Betriebsausfallsversicherung. Sie deckt die finanziellen Verluste bei einem zugrunde liegenden Kaskoschaden, die beispielsweise durch ausfallende Zahlungen der Chartermiete an den Schiffseigentümer entstehen.

Welche Auswirkungen hatte die Covid-19-Pandemie auf die Branche?

Anna Prost: Anders als zunächst erwartet, hatte die Covid-19 Krise glücklicherweise keine gravierenden Auswirkungen auf die Schifffahrt. Im Gegenteil: Die Zahlen sind bei vielen Reedereien viel besser als angenommen und die Charterraten haben sich gut entwickelt. Die Branche befindet sich unserer Einschätzung nach auf einem guten Weg. Ein Grund dafür dürfte die Wirtschaftskrise von 2008 sein. Der Zusammenbruch der Lehman Brothers Bank hatten damals zu einer grundlegenden Umwälzung der Schifffahrt geführt. Viele während der Boom-Phase langfristig vercharterten Schiffe sorgten für eine Überkapazität bei einem gleichzeitig sinkenden Ladevolumen. Die Reedereien haben eine solche Krisensituation also bereits durchgemacht und wissen heute, was zu tun ist, beziehungsweise sind entsprechend besser vorbereitet und versichert. Gleichzeitig hat die Krise von damals für eine „Marktbereinigung“ gesorgt, die nur die wirtschaftsstarken Unternehmen überlebten.

Herausforderungen heute betreffen viel mehr die Crews an Bord. Diese befinden sich aufgrund von Quarantäne-Maßnahmen oder ausfallender Flüge derzeit viel länger an Bord als geplant. Wir sprechen hier von schlimmen Einzelschicksalen, die auch Suizid beinhalten. Unsere international group, ein Zusammenschluss aus zwölf führenden internationalen Versicherern deckt solche Haftpflichtrisiken für Reedereien gemeinschaftlich.

Die Schifffahrtkrise von 2008 hat uns einiges gelehrt und uns klüger gemacht. Ich bin zuversichtlich, dass wir auch die aktuelle Krise nutzen können, um uns noch weiterzuentwickeln.

Welche Themen beschäftigen die Branche heute sonst noch?

Anna Prost: Wir haben es derzeit mit einem sehr harten Markt zu tun. Viele Versicherer haben sich bereits aus dem Markt zurückgezogen, was langfristig zu steigenden Prämien führt. Die Knappheit an Versicherungskapazitäten betrifft vor allem den Kaskobereich und ist besonders bei höheren Schadenverläufen eine Herausforderung.

Was raten Sie Ihren Kunden?

Anna Prost: Anders als bei anderen Versicherungen gibt es im Bereich Schifffahrt kein klassisches Ablaufdatum der Verträge, meist enden diese quartalsweise. Unternehmen sollten sich deshalb frühzeitig, das heißt mindestens vier Monate vor Vertragsende, mit ihren Versicherungen auseinandersetzen und sich eingehend beraten lassen. Je früher sich Unternehmen mit dem Thema beschäftigen, desto mehr Zeit bleibt zur Verhandlung mit Versicherern und zur Anpassung der Deckungen auf zukünftige Herausforderungen.  

Welchen Mehrwert bietet Aon Branchenkunden?

Anna Prost: Als global aufgestellter Versicherungsmakler mit einem großen Netzwerk beraten wir bei Aon unsere Kunden ganzheitlich bezüglich ihres Versicherungsstandes. Dabei schauen wir uns den individuellen Status Quo im Detail an und empfehlen notwendige Anpassungen – immer mit Blick auf die aktuelle Situation und die prognostizierten Entwicklungen. Wir verfügen über langjährige Erfahrungen und kennen uns auch mit sehr speziellen Versicherungen bestens aus. So kann für einige Reedereien mit bestimmten Routen beispielsweise eine Drogenversicherung sinnvoll sein. Diese deckt anfallende Kosten beim Zeitverzug durch einen Drogenfund (Schmuggelware) an Bord. Gleichzeitig werden Cyber-Versicherungen oder andere spezielle Bausteine für alle Unternehmen immer wichtiger. Dabei müssen Cyber-Angriffe gar nicht gezielt auf ein Unternehmen gerichtet sein, wie der Hackerangriff auf die Reederei Møller-Mærsk in 2017 zeigt. Viele sind sich hier unsicher, ob sie eine einfache Cyber-Versicherung oder doch eine spezielle und teurere Schifffahrts-Versicherung mit Cyber-Baustein wählen sollen. Dies muss von Fall zu Fall entschieden werden. Hierzu beraten wir unsere Kunden mit Blick auf ihre individuelle Situation und ihre Bedürfnisse.

Zusätzlich profitieren Kunden von unserer Internationalität. Die Schifffahrts-Branche ist selbst international aufgestellt und benötigt deshalb auch ein globales Beratungsunternehmen. Deutsche Reedereien, größtenteils aus dem Mittelstand, bildeten hier mit ihrem eher lokalen Denken lange Zeit eine Ausnahme, können aber aufgrund sich verändernder Marktsituationen und Risiken künftig ebenfalls stärker von Beratungsleistungen nach internationalen Standards profitieren.


Zur Person

Nach ihrem Studium der Betriebswirtschaft arbeitete Anna Prost bei unterschiedlichen Spezial- und Großmaklern mit dem Schwerpunkt Schifffahrt. Bei Aon ist sie heute als Abteilungsleiterin des Bereichs Schifffahrt für die vollumfängliche Kundenbetreuung bei allen Fragen und Problemstellungen verantwortlich. An ihrer Arbeit in diesem Bereich gefällt ihr besonders die Möglichkeit, Kunden umfassend über mehrere Sparten hinweg zu begleiten, was für sie sehr abwechslungsreich ist. Die Internationalität des Bereichs ermöglicht ihr dabei den Austausch mit den unterschiedlichsten Menschen.

Diversity bedeutet für sie, dass jeder Mensch zu jedem Zeitpunkt er selbst sein kann. „Jeder ist mit seinem Wesen wertvoll und trägt seinen Teil im Team bei. Ein Team lebt von der Unterschiedlichkeit der Personen und jeder sollte dafür Wertschätzung erfahren“, sagt Anna Prost. „Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir uns noch mehr Zeit nehmen, unsere eigenen Gedanken zu hinterfragen, um Neuem mit der notwendigen Offenheit begegnen zu können.“

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Anna Prost
Head of Marine Hull
+49 (0)40 3605 3194