Alte Rollenbilder und neue Familienmodelle: Wie eine partnerschaftliche Aufgabenverteilung Chancengleichheit schafft

Seit über 100 Jahren wird am 8. März der Internationale Weltfrauentag gefeiert. Ursprünglich für die Forderung nach gleichem Frauenwahlrecht ins Leben gerufen, ist er heute vor allem Plattform für die Gleichstellung der Geschlechter. Denn noch immer wird die Debatte um die Vereinbarkeit von Karriere und Beruf vielfach auf Frauen und ihre Rolle als Mütter reduziert. Soll ein partnerschaftliches Familienmodell gelingen, in dem sich beide Elternteile gleichberechtigt Kinder, Haushalt und Karriere teilen, müssen sich nicht nur Väter von ihrer Rolle als „Bystander“ lösen. Auch Frauen müssen sich von gesellschaftlichen Erwartungen freimachen und bewusst hinterfragen: Mache ich das, was ich kann und mir Spaß macht oder das, was mein Partner, mein Umfeld oder mein Arbeitgeber von mir erwartet? Dafür plädiert auch Angelika Brandl, Aon-Partner und Head of BU Retirement am Standort München.

Haushalt und Kindererziehung häufig noch immer Frauensache

Auch wenn die Erwerbstätigkeit von Frauen mit minderjährigen Kindern in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen hat, stecken im Job noch immer vor allem Mütter zurück und reduzieren ihre Arbeitszeit, nachdem sie Kinder bekommen. Im Glauben, die Erwartungen von Partner und Gesellschaft erfüllen zu müssen, nehmen sie die Verantwortung für Haushalt und Erziehung oft ganz automatisch an, laufen dabei jedoch Gefahr, ihre eigenen beruflichen Perspektiven hintenanzustellen und ihre Energie nicht nach ihren eigenen Fähigkeiten und Wünschen einzusetzen.

Die Rolle an- und hinnehmen oder mit traditionellen Rollenbildern brechen? Eine Frage, die neben einer Änderung des traditionellen Rollenbildes der Mutter auch das Selbstverständnis vieler Väter herausfordert. „Ob er das hinbekommt? – Solche Aussagen hört man oft noch von Müttern, die nach der Elternzeit wieder in den Beruf einsteigen und ihrem Partner für zwei Monate Elternzeit die Verantwortung für das oder die Kinder übergeben. Natürlich bekommt „er“ das hin – dafür stehen zahlreiche Kinder, die in einer solchen Konstellation inzwischen groß und glücklich geworden sind“, gibt die berufstätige Mutter Brandl zu bedenken.

Ein gleichberechtigtes Familienmodell erfordert daher auch ein modernes Verständnis von Vaterschaft. Indem die geschlechtstypische Aufgabenverteilung durchbrochen wird und beide Elternteile gleichermaßen für Haushalt, Kinder und Karriere einstehen, verschieben sich nicht nur die Belastungsgrenzen arbeitender Mütter. Frauen bekommen im gleichen Augenblick die Freiheit zurück, selbstbestimmt entscheiden zu können, wie sie ihre Rolle als Mutter gestalten möchten. Im selben Zug gibt ihnen eine partnerschaftliche Aufgabenverteilung und das gegenseitige Verständnis die Möglichkeit, sich leichter von dem schlechten Gewissen zu lösen, dass die Gesellschaft berufstätigen Müttern zum Teil noch immer indirekt vermittelt. „Nicht zuletzt trägt dies auch zu einer spannenden Partnerschaft bei, in der Herausforderungen, aber auch Glücksmomente automatisch geteilt und gemeinsam erlebt werden“, so Brandl.

„Unerwähnt bleibt an dieser Stelle noch der Fall, dass der Vater sich nach Ende des Mutterschutzes zu 100 Prozent um die Kinderbetreuung kümmert, während die Mutter Vollzeit arbeitet. Derartige Konstellationen sind noch unüblich und werden im Allgemeinen sowohl von Müttern/Frauen als auch von Vätern/Männern als seltsam und unkonventionell angesehen. Warum eigentlich?“, hinterfragt Brandl.

Vater sein heute – Auf dem Weg zu einer modernen Vaterschaft

Tatsächlich stehen viele, vor allem junge Väter dieser modernen und gleichberechtigten Aufgabenverteilung offen gegenüber. Mehr als die Hälfte aller Väter mit Kindern unter sechs Jahren würde gerne mindestens die Hälfte der Kinderbetreuung übernehmen.[1] Gleichzeitig gehen sie immer seltener davon aus, als Hauptverdiener alleine für die wirtschaftliche Existenzsicherung der Familie verantwortlich zu sein und wünschen sich eine Partnerin, die selbst für den eigenen Lebensunterhalt sorgt.[2] Dieses Selbstverständnis spiegelt sich auch in den Vorstellungen junger Frauen wider. Auch sie wünschen sich ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Beruf und Familie. Das traditionelle Alleinverdienermodell (Vater arbeitet Vollzeit, Mutter nicht berufstätig) hält nur noch ein Bruchteil der Eltern für den richtigen Weg. Viel mehr sieht es die große Mehrheit der Eltern als ideal an, wenn sich Paare gegenseitig bei ihren beruflichen Plänen unterstützen.[3]

Wie so oft, klaffen Idealbild und Realität jedoch noch weit auseinander. Denn nur eine Minderheit der Eltern verwirklicht derzeit tatsächlich das präferierte, partnerschaftliche Familienmodell. Die Gründe dafür sind vielschichtig und von Fall zu Fall unterschiedlich. Neben gesellschaftlichen Erwartungen spielen auch wirtschaftliche Aspekte eine wichtige Rolle. Hier sei nur kurz auf das nach wie vor existente Gender-Pay-Gap verwiesen. Brandl: „Ebenso müssen natürlich individuelle Aspekte und Gründe berücksichtigt werden und jedes Modell hat seine Berechtigung. Im Idealfall erfolgt die Entscheidung für das eine oder andere Modell aus Überzeugung und Freude an der damit verbundenen Verteilung von Aufgaben und Verantwortung. Die Konsequenzen aus dem gewählten Modell sind natürlich nicht nur innerhalb der Familie zu merken. Auch der Einbezug in Projekte des Arbeitsgebers hängt oft von der zeitlichen Verfügbarkeit und Flexibilität ab, die – ob Männer, Frauen oder divers – für das Projekt aufgewendet werden können.“

Umso wichtiger ist es, sich als Frau bereits in jungen Jahren zu überlegen: Was will ich? Wie sieht meine Zukunft aus? Wo wird mir die Wertschätzung und Anerkennung entgegengebracht, die mich ausmacht und erfüllt? Und vor allem: Mache ich das, was ich kann und will oder das, was mein Partner, mein Umfeld oder mein Arbeitgeber von mir erwartet?

Flexible und familienfreundliche Unternehmensstrukturen, -kulturen und Arbeitsmodelle, die sich an Mütter und Väter gleichermaßen richten, können bei diesen Entscheidungen eine wichtige Hilfestellung leisten und den weiteren Weg für eine gleichberechtigte Aufgabenteilung von Familie und Beruf ebnen.

[1] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (Hrsg.) (2018): Väterreport 2018. Vater sein in Deutschland heute. Berlin; S.11.

[2] Ebd.; S.13.

[3] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (Hrsg.) (2018): Väterreport 2018. Vater sein in Deutschland heute. Berlin; S. 14.


Autoreninfo:

Angelika Brandl, Aon-Partner und Head of BU Retirement am Standort München, ist selbst Mutter von zwei Kindern und lebt das Modell der flexiblen Arbeitszeiten in enger Abstimmung mit ihrer Familie. Um Familien in einer gleichberechtigten Aufgabenteilung von Karriere und Familie zu bestärken, hält sie es für wichtig, mit veralteten Rollenbildern zu brechen und betriebliche Arbeitsbedingungen und Unternehmenskulturen auf eine moderne Vaterschaft auszurichten. Dazu gehört auch, dass Unternehmen das Thema Frauenförderung aktiv angehen und insbesondere Führungskräfte sensibilisiert werden, noch bestehende – eventuell unterbewusste –Schubladen für Frauen und auch Männer aufzulösen.


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Angelika Brandl
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