Tax Liability Insurance (Steuerversicherung): Steuerliche Planungssicherheit für Transaktionen und das Corporate‑Umfeld

Lesezeit: 7 Minuten

Tax Liability Insurance: Antwort auf das steuerliche „Aber“

Tax Liability Insurance – im deutschsprachigen Raum häufig auch als Steuerversicherung bezeichnet – entwickelt sich rasant von einem Nischenprodukt im M&A-Umfeld zu einem strategischen Instrument für das Corporate Tax Risk Management. Unternehmen können klar definierte, rechtlich vertretbare Steuerrisiken unter Umständen zur Eindeckung an Versicherer übertragen und so aus unsicheren Risiken kalkulierbare, verhandelbare und bilanzwirksame Größen machen.

In einer Umgebung, in der Regulierung, Rechtsprechung und Geschäftsmodelle sich schnell verändern, bietet eine Tax Liability Insurance moderne Antworten auf Fragen der steuerlichen Planungssicherheit – und zwar nicht nur bei Deals, sondern im laufenden Geschäft, bei Konzernstrukturierungen, Finanzierungen, Governance und Bilanzierung.

In nahezu jeder größeren steuerlichen Fragestellung steckt heute ein „Aber“. Klassische Management-Fragen in diesem Zusammenhang sind:

  • Ist das Unternehmen bereit, das verbleibende Steuerrisiko selbst zu tragen?
  • Reicht dem Unternehmen eine „hohe Wahrscheinlichkeit“ der Anerkennung durch die Finanzverwaltung, oder braucht es eine vollumfängliche Absicherung?
  • Gibt es Fälle, in denen steuerliche Argumente zwar stark sind, aber eine letzte finanzielle Absicherung für den steuerlichen Worst Case fehlt?

Eine Tax Liability Insurance beantwortet diese Fragen, indem sie steuerliche Unsicherheiten planbar und verhandelbar macht – und damit Risikomanagement, Governance und Bilanzierung unterstützt.

Was ist eine Tax Liability Insurance (Steuerversicherung)?

Tax Liability Insurance bzw. Steuerversicherung ist eine spezielle Form der Versicherungslösung, mit der Unternehmen konkrete, klar definierte Steuerrisiken auf einen Versicherer übertragen. Typische Konstellationen rechtlich vertretbare steuerliche Positionen mit Restrisiko, Gutachten oder Stellungnahmen, die eine hohe Wahrscheinlichkeit, aber keine 100%ige Sicherheit bieten, oder Situationen, in denen Management, Aufsichtsrat oder andere Stakeholder eine nahezu vollständige Absicherung verlangen. Anstatt diese Restrisiken vollständig in der eigenen Bilanz zu tragen, macht eine Tax Liability Insurance das Risiko zu einer versicherten Position – mit klarer Deckungssumme und definierten Versicherungsbedingungen.

Tax Liability Insurance vs. W&I – unterschiedliche Logik

Tax Liability Insurances werden oft mit W&I-Versicherungen (Warranty & Indemnity) in einen Topf geworfen, folgt aber einer anderen Logik. Eine W&I-Versicherung deckt unbekannte, historische Risiken aus einem Unternehmenskaufvertrag mit klassische M&A-Transaktionen als typischem Einsatzfeld. Eine Tax Liability Insurance hingegen deckt bekannte, klar definierte, rechtlich vertretbare Steuerrisiken und zwar unabhängig davon, ob sie aus historischen Sachverhalten, geplanten Transaktionen oder dem laufenden operativen Geschäft resultieren. Der Fokus liegt hierbei auf spezifischen Steuerpositionen bzw. bekannten Einzelrisiken. Damit ist die Tax Liability Insurance heute ein relevantes, aber in weiten Teilen noch unbekanntes, Werkzeug für Steuerabteilungen, Rechnungswesen und Bilanzierung, Treasury und Corporate Finance, Corporate Development und Legal & Governance.

Neue Realität: Tax Liability Insurance im Corporate Umfeld

Der Markt hat sich deutlich vom reinen M&A-Fokus weg entwickelt. Versicherer adressieren mit ihren Tax Liability Insurance Produkten zunehmend steuerliche Risiken im Corporate-Umfeld , z. B. laufende Steuerpositionen und Unsicherheiten im Steuerreporting, regulatorische Unsicherheiten, strukturierte Finanzierungen, operative Strukturierungen, Sanierungs- und Refinanzierungsvorgänge, internationale Betriebsstätten- oder CFC-Risiken, Bewertungsfragen, insbesondere bei immateriellen Wirtschaftsgütern, Cash-Management-Risiken in der laufenden Steuerbilanzierung.

Viele Unternehmen sind überrascht, wie viele ihrer klar definierten, rechtlich vertretbaren steuerlichen Positionen grundsätzlich versicherbar sind – und damit nicht mehr vollständig in Bilanz und Risikosteuerung verbleiben müssen.

Typische Corporate Anwendungsbereiche (außerhalb von M&A)

Ein Einsatz von Tax Liability Insurances bietet sich klassischerweise in den folgenden Bereichen an:

Strukturierungen im Konzern:

  • Verschmelzungen, Spaltungen, Formwechseln, Einbringungen,
  • Fragen zur Steuerneutralität und Stillreserventransfers,
  • internationalen Umstrukturierungen mit CFC-Bezug,
  • Gestaltung von Konzernstrukturen mit Fokus auf grunderwerbsteuerliche Optimierung.

Hier unterstützt eine Steuerversicherung, komplexe Reorganisationsprojekte intern und extern entscheidungsreif zu machen.

Finanzierungen & Treasury

  • Hybridinstrumente, Debt/Equity-Abgrenzungen,
  • Refinanzierungen, Schuldübernahmen, Debt Push Downs,
  • geplante Sanierungsmaßnahmen und deren steuerliche Anerkennung,
  • Anerkennung von Sanierungserträgen.

Tax Liability Insurance bietet zusätzliche Sicherheit für Finanzierungslösungen mit wesentlicher Steuerkomponente

Operatives Steuerrecht

Typische operative Anwendungsfälle sind:

  • Betriebsstättenrisiken (z. B. digitale Geschäftsmodelle, Outbound-Expansion),
  • umsatzsteuerliche Reihengeschäfte und Organschaften,
  • Quellensteuer-Themen (Licensing, Payments, Inbound-Strukturen),
  • Bewertungsfragen bei immateriellen Wirtschaftsgütern und internen Umstrukturierungen.

Im operativen Geschäft sind Zeit, Planungssicherheit und Cash-Impact entscheidend – Eine Tax Liability Insurance schafft hier verlässliche Rahmenbedingungen.

Governance & Bilanzierung

Für Governance und Bilanzierung ist Tax Liability Insurance besonders interessant:

  • Absicherung von Risiken, die nicht bilanzierbar, aber potenziell cash-wirksam sind,
  • gezielte Absicherung einzelner Steuerpositionen im Jahresabschluss,
  • Stärkung der steuerlichen Governance – insbesondere bei regulierten Unternehmen.

So wird auch die Kommunikation mit Prüfern, Regulatoren und Aufsichtsgremien erleichtert.

Alternative zur verbindlichen Auskunft

Immer mehr Unternehmen nutzen Tax Liability Insurance als schnellere, flexiblere und risikounabhängige Alternative zur verbindlichen Auskunft der Finanzverwaltung. Die Klärung der steuerlichen Risiken erfolgt hierbei ausschließlich im direkten Austausch zwischen Unternehmen und Versicherer. Typische Anwendungsfälle sind etwa

  • Arbeits- und Mitarbeiterbeteiligungsmodelle,
  • Supply-Chain-Optimierungen,
  • Anpassungen von Verrechnungspreismodellen,
  • die Einführung neuer Geschäftsmodelle oder Produkte.

Während verbindliche Auskünfte der Finanzverwaltung häufig mehrere Monate in Anspruch nehmen und einen formalen, oft langwierigen Abstimmungsprozess mit der Behörde erfordern, ermöglicht eine Tax Liability Insurance in der Regel eine belastbare Entscheidungsgrundlage innerhalb weniger Wochen – allein auf Basis der Risikoprüfung und -bewertung durch den Versicherer.

Anwendungsbereiche im Transaktionsumfeld (weiterhin zentral)

Neben Corporate-Fällen bleibt der typische M&A-Einsatz von Tax Liability Insurance wichtig bei historischen DD-Risiken, Grunderwerbsteuer, Verlustvorträgen & Stichtagsfolgen, Special Tax Indemnities, Risikoübernahmen bei SPA-Freistellungen („Clean Exit“) und Distressed-/M&A-Strukturen.

Wer Tax Liability Insurances allerdings nur im M&A-Kontext sieht, schöpft das Potenzial der Steuerversicherung im Corporate Bereich heute nicht aus.

Ablauf eines Tax Liability Insurance Prozesses

Der Marktprozess für eine Tax Liability Insurance ist pragmatisch und zeiteffizient:

  1. Initiation
    • Kurzanalyse des steuerlichen Sachverhalts,
    • Bereitstellung von Gutachten, Stellungnahmen oder DD-Auszügen, welche in aller Regel meinst vorhanden sind.
  2. Marktansprache
    • Strukturierte Ansprache relevanter Anbieter von Tax Liability Insurance,
    • Einholung indikativ¬er Angebote und Deckungskonzepte.
  3. Auswertung & Entscheidungsgrundlage
    • Präsentation und Vergleich der Ergebnisse der Marktansprache,
    • Prüfung der angebotenen Deckung, Konditionen und Ausschlüsse,
  4. Underwriting
    • Vertiefte Prüfung, Q&A, Analyse der Dokumentation,
    • Ausgestaltung der konkreten Versicherungsbedingungen.
  5. Abschluss
    • Zeichnung der Police,
    • typische Laufzeit: 7–10 Jahre, abhängig von Risikoprofil und Jurisdiktion.

Time to Cover: regelmäßig 3–5 Wochen – und damit deutlich schneller als viele klassische Alternativen.

Kosten einer Tax Liability Insurance

Die Kosten einer Tax Liability Insurance hängen im Wesentlichen von der Höhe der gewünschten Deckungssumme, der Komplexität des steuerlichen Sachverhalts sowie der Risikoeinschätzung des Versicherers ab.

Üblicherweise wird eine einmalige Prämie fällig, die für die gesamte Laufzeit der Police gilt und sich prozentual an der Deckungssumme orientiert. In der Praxis bewegen sich die Kosten häufig in einer Größenordnung von rund 2% – 6% der Versicherungssumme.

Im Ergebnis stehen diesen Aufwendungen jedoch planbare, klar begrenzte Steuer- und Liquiditätsrisiken gegenüber, die sich in der Bilanz und im internen Risikomanagement gezielt steuern lassen.

Marktdynamik: Warum die Tax Liability Insurance gerade jetzt relevant sind

Die Marktentwicklung spricht klar für das Produkt der Tax Liability Insurance:  Versicherer bauen spezialisierte Tax-Teams auf, steuerliche Risiken im Corporate-Umfeld werden aktiv gesucht, Kapazitäten und Deckungstiefen steigen, das Pricing ist stabil und wettbewerbsfähig und deutlich mehr Risiken werden heute als versicherbar eingestuft.

Für Steuerabteilungen, CFOs und Treasuries eröffnet eine Tax Liability Insurance eine neue Logik: Bekannte Steuerrisiken müssen nicht mehr vollständig intern getragen werden, sondern können gezielt an den Versicherungsmarkt transferiert werden.

Ersteinschätzung: Ist Ihr Steuerrisiko versicherbar?

In einer unverbindlichen Ersteinschätzung lässt sich in der Regel innerhalb kurzer Zeit klären, ob ein konkretes Steuerrisiko grundsätzlich für eine Tax Liability Insurance (Steuerversicherung) geeignet ist, welche Größenordnungen bei Deckungssummen realistisch sind und in welchem Korridor sich die Marktpreise bewegen.

Auf dieser Basis können Unternehmen fundiert entscheiden, ob und wie sie eine Tax Liability Insurance gezielt in ihre Tax Risk Governance, Bilanzierung und Finanz- bzw. Liquiditätsplanung einbinden – statt das steuerliche „Aber“ ungebremst in der eigenen Bilanz stehen zu lassen.

Disclaimer

Dieser Artikel enthält allgemeine Informationen und Diskussionen zu den besprochenen Themen rund um das Thema der Steuerversicherung und ist nicht als professionelle Beratung auf diesen oder anderen Gebieten gedacht. Die Tax Liability Insurance ist kein Instrument zur Steuervermeidung. Die Informationen werden auf einer „wie sie sind“-Basis bereitgestellt, ohne Gewährleistungen jeglicher Art. Der Autor haftet nicht für Schäden, die direkt oder indirekt aus der Verwendung der Inhalte entstehen. Wir empfehlen, für spezifische Anliegen stets Fachleute zu konsultieren.

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Bernd Niedermayer
Director Tax | Syndikus Steuerberater | M&A and Transaction Solutions | DACH
+49 176 12661030

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