Digitaler Kampf um Kapazitäten im verhärteten Sach-Markt

Einfacher ist nicht immer besser. Das zeigt sich bei der täglichen Arbeit im Homeoffice. Natürlich lassen sich Meetings, ganz gleich, ob mit drei oder 20 Personen, wunderbar leicht durchführen. Die Vielzahl täglicher Video-Calls dokumentiert das eindrucksvoll. Gleichzeitig fallen Reisezeiten weg, weil nur noch wenige Gespräche face-to-face stattfinden. Diese unbestrittenen Vorzüge digitalen Arbeitens haben aber eine Kehrseite – und die zeigt sich besonders in Zeiten, in denen gegensätzliche Interessen in einem verhärteten Marktumfeld unter einen Hut zu bringen sind.

Das Sachversicherungsgeschäft, also die Absicherung insbesondere von Feuer- und Elementarrisken, ist seit Jahren von einer „dunkelroten“ Schadenkostenquote, der sogenannten Combined-Ratio, gekennzeichnet. Mit anderen Worten: Den Industrieversicherern gelingt es nicht mehr, die schadenbedingten Ausgaben durch die erzielten Prämieneinnahmen vollständig zu decken. Angesichts dieser Lage hat einer der marktführenden Anbieter, HDI Global SE, vor drei Jahren damit begonnen, sein Sachgeschäft zu sanieren. Das bedeutet im Kern: Preise wurden erhöht, Kapazitäten begrenzt. Das ist nun marktweit gelebte Praxis. Unternehmen, die ihrerseits unter strengem Kostenregime arbeiten, müssen darauf Antworten finden.

Steigender Aufwand für adäquate Risikodeckung

Im Ergebnis führt dies zu einem Kampf um Kapazitäten, die bei großen Risiken durch Konsortien von Versicherern bereitgestellt werden. Dabei gilt: Je größer und komplexer und damit schadenanfälliger das Risiko ausfällt, desto eingeschränkter werden seitens der Versicherungsgesellschaften Deckungskapazitäten bereitgestellt. Teils scheuen Anbieter sogar gänzlich, Risiken zu übernehmen, wie es bei Recyclingbetrieben, der fleischproduzierenden Industrie und zusehends bei Chemie- und Stahlherstellern zu beobachten ist. Die Folge: Es muss immer mehr Aufwand für eine adäquate Risikodeckung betrieben werden, sei es, dass ausländische Versicherer eingebunden oder zusätzliche Rückversicherungskapazitäten hinzugezogen werden.

Gerade in einem solch herausfordernden Umfeld, lassen sich tragfähige Kompromisslösungen nicht ohne ein gewisses Maß an Empathie und Kreativität finden. Bei Verhandlungsgesprächen via Monitor stößt man hier spürbar an Grenzen. Es fehlt der persönliche Kontakt, die Atmosphäre. Manche digitale Kommunikationsformate lassen es nicht zu, die Reaktionen jedes Einzelnen zu erkennen. Gesprächspartner klinken sich zeitweilig visuell aus den Calls aus, ohne dass der Anlass klar wird. Verändert hat sich auch die Abstimmung mit den Sachkollegen in unseren Niederlassungen. Früher war es kein Thema, spontan Kollegen zum Beispiel aus anderen Sparten zu einem Gespräch hinzuzuholen, um gemeinsam eine Lösung zu finden. Das Arbeiten vor dem Monitor in den eigenen vier Wänden setzt hier schlicht Grenzen.

Erste Anzeichen nähren Hoffnung auf Entspannung

Wie sind die Aussichten? Sicherlich werden die Preise nicht schon morgen fallen. Genauso ist es fraglich, ob wir frühere, deutlich niedrigere Preisniveaus jemals wieder erreichen werden. Zweifelsohne lässt sich aber ein beginnender Risikoappetit ausmachen. Denn einige Versicherer haben seit Jahren erstmals wieder Neugeschäftsziele formuliert. Allerdings ereignete sich vor wenigen Wochen ein Großschaden im Umfang von rund 300 Millionen Euro. Auf solche Risiken haben die Versicherer ein Auge, sodass ein weiterer Schadenfall in dieser Größenordnung die aktuell begründete Hoffnung auf Entspannung schnell wieder zunichtemachen könnte.

Am Ende geht es vor allem um eines: Soll langfristig in die Sicherheit des Unternehmens investiert werden oder nimmt man stattdessen vergleichsweise hohe Versicherungskosten und eine wesentliche Eigentragung in Kauf? Hier treffen die Preiserwartungen und Kapazitäten der Versicherer auf die Investitionsbereitschaft und das Kostenregime der Unternehmen. Häufig bietet das Risk Engineering einen Lösungsansatz, indem Unternehmen beispielsweise den betrieblichen Brandschutz verbessern. Bei der Absicherung von Elementarrisiken wie Orkan- und Erdbebengefahren ist das mit Blick auf die vorwiegend standortbezogenen Betriebsrisiken schon schwieriger. Aber mit Knowhow und Kreativität lässt sich im gemeinsamen Dialog ein passender Mittelweg finden – auch wenn es im Homeoffice häufig einem Drahtseilakt gleichkommt.


Autoren-Info

Der Aufstieg von Ina Straub ist ein Paradebeispiel für weibliche Berufskarrieren bei Aon. Vor vielen Jahren startete sie bei Aon ihre Ausbildung. Einige Zeit später, es ist fast 20 Jahre her, hatte die Geschäftsführung zwei Leitungsfunktionen im Sachbereich im Zuge einer Umstrukturierung ausgeschrieben. Für sie war klar, dass zwei hierfür prädestinierte Kollegen, die Jobs bekommen würden, zumal sie sich für zu jung und unerfahren gehalten hatte, erinnert sich Ina Straub. Nicht zuletzt um ihr Interesse an einem Qualifikationsprogramm zu untermauern, hatte sich die damals 30-jährige dennoch beworben – und wurde Leiterin des Industrie-Sachgeschäfts. Ein Grund des Erfolgs: Sie hatte beim Assessmenttest bundesweit das beste Ergebnis hingelegt. Chapeau! Später leitete Ina Straub dann beide Abteilungen und übernahm schließlich 2013 die Verantwortung für das gesamte Sach-Geschäft bei Aon in Deutschland.

Wegen vieler Geschäftsreisen musste ihre Familie zwar oft auf sie verzichten. Doch schon früh fiel die gemeinsame Entscheidung, dass sie beruflich Gas geben konnte, während ihr Mann einer beruflichen Tätigkeit mit geregelten Arbeitszeiten nachgeht. So konnte er sich um die gemeinsame Tochter kümmern, tatkräftig von zwei Omas und Tanten unterstützt. Die Reisen sind zwar längst weggefallen, aber häufiger bekommt ihre Familie sie dennoch nicht zu sehen, obwohl sie Tag für Tag im Homeoffice ist. Aber dort verschwimmen allzu häufig die Grenzen, weil beispielsweise mal „zwischendurch“ E-Mails bearbeitet werden.

In all den Jahren hat das Aon-Eigengewächs, wie sie sich selbst bezeichnet, nie das Gefühl gehabt, als Frau benachteiligt worden zu sein. Erst durch Aktionen wie die aktuelle, wird ihr bewusst, dass es doch manchmal eine besondere Herausforderung war – und erinnert sich an keinesfalls bös gemeinte Kommentare, zum Beispiel von männlichen Kollegen, wie: „Mädchen, ich nehme dich mal an die Hand, wir schaffen das.“ Oder wenn ein Kunde im Zuge ihres beruflichen Aufstiegs bemerkte, dass sie mindestens doppelt so gut sein müsse, wie ihre männlichen Kollegen. Zurückblickend auf ihre eigene Karriere ist Ina Straub jedoch eines besonders wichtig: Sie möchte gerade Frauen Mut machen, sich auf Stellen zu bewerben, für die sie sich als geschaffen betrachten – selbst wenn die Chancen vermeintlich gering sind.

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Ina Straub
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