Was wir vom Profisport über die Resilienz von Arbeitnehmer:innen lernen können

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Gastbeitrag: Bevan Gray, einst professioneller Rugbyspieler und heute Head of Human Capital Solutions bei Aon, spricht über Parallelen zwischen Sport- und Arbeitswelt und erklärt, warum der Profisport in vielen Bereichen als Vorbild dienen kann.

Als ehemaliger Profisportler möchte ich einige meiner Erfahrungen teilen, wie sich die Denkweisen des Profisports auf die Geschäftswelt übertragen lassen.

Ich bin in Neuseeland aufgewachsen, wo Rugby fast wie eine Religion behandelt wird. Über zehn Jahre lang spielte ich professionell Rugby in Neuseeland, Großbritannien und Europa. Rugby ist ein Mannschaftssport, bei dem es auf Teamwork und persönliches Engagement ankommt.

Was mich meine Zeit als Spieler und später auch als Trainer gelehrt hat, hat auch meinen beruflichen Alltag bereichert: So zum Beispiel mit Blick auf die Zusammenstellung qualifizierten Personals oder bei der Evaluation erfolgreicher Unternehmenskulturen.

Was kann die Geschäftswelt vom Profisport lernen?

Wenn es eine Sache gibt, die ich im Sport gelernt habe, dann ist es die Bedeutung einer guten Feedbackkultur. Nur wenn man konstruktives Feedback erhält, kann man sich verbessern. Voraussetzung hierfür ist eine vertrauensvolle Basis. Dies kann 1:1 auf die Arbeitswelt übertragen werden. Vertrauen im Unternehmen, sowohl vertikal als auch horizontal, ist von entscheidender Bedeutung. Es sollte eine Arbeitsatmosphäre bestehen, in der man sich offen und ehrlich mitteilen kann.

In manchen Situationen gleicht eine Sportmannschaft einer Familie. Man verbringt so viel Zeit miteinander, dass man sich gegenseitig in- und auswendig kennt. Es entwickelt sich ein echtes, fürsorgliches Interesse gegenüber den Teammitgliedern und man spürt intuitiv, wenn es Teamkolleg:innen nicht gut geht. Eine gute Trainerin bzw. ein guter Trainer merkt, wenn im Privatleben der Spieler:innen etwas nicht stimmt, was sich auf die Leistung auf dem Spielfeld auswirken könnte. In einem gut geführten Sportteam ist es auch in Ordnung, über Probleme und Unstimmigkeiten zu sprechen. Von einer offenen, vertrauensvollen Kommunikationskultur profitieren alle.

„Wenn ich eines im Profisport gelernt habe, dann ist es die Bedeutung einer guten Feedbackkultur.“

Natürlich ist die Geschäftswelt nicht gänzlich vergleichbar mit dem Profisport. Im Unternehmen steht man leider selten so eng zusammen wie in einer Rugbymannschaft. In vielen Landeskulturen ist es darüber hinaus auch gar nicht üblich, persönliche Angelegenheiten am Arbeitsplatz zu besprechen. Dennoch bin ich überzeugt, dass Führungskräfte ihre Mitarbeiter:innen sehen müssen. Ein guter Vorgesetzter muss die Mitarbeiter:innen und ihre jeweiligen Situationen verstehen und auch ein Gespür dafür entwickeln, was in ihren Privatleben vor sich geht – denn das wirkt sich in den meisten Fällen auch auf ihre Leistung aus. Niemand ist ein Roboter, der sein ganzes persönliches „Gepäck“ an der Bürotür abgeben kann. Gute Führungskräfte sollten aus meiner Sicht Empathie und Verständnis zeigen, ihre Mitarbeiter:innen fragen, wie es ihnen geht, sie wissen lassen, dass sie für ein Gespräch zur Verfügung stehen und sie für gute Arbeit loben. Einfache Maßnahmen wie diese machen einen großen Unterschied.

Resilienz durch Wellbeing aufbauen

Ein Unternehmen ist nur so widerstandsfähig wie seine Mitarbeiter:innen. Durch konvergierende Faktoren wie Digitalisierung, makroökonomischen Druck und soziokulturellen Wandel wird die Widerstandsfähigkeit von Unternehmen jedoch zunehmend auf die Probe gestellt.

Um ein nachhaltiges Unternehmensmodell aufzubauen und wirtschaftlich erfolgreich zu sein, müssen sich Führungskräfte darauf konzentrieren, die Resilienz ihrer Mitarbeiter:innen zu verbessern. Das kann nur erreicht werden, indem man das Wohlbefinden der Arbeitnehmer:innen in den Fokus stellt. Denn, wenn es Mitarbeiter:innen psychisch nicht gut geht, sind sie auch weniger belastbar.

Ein wichtiger Aspekt der Resilienz ist die Rekonvaleszenz, also die Zeit, die zur Genesung benötigt wird. Im Profisport steht man permanent unter einem unglaublichen Druck. Die Zeit zwischen den Spielen ist sehr kurz und Profisportler:innen und ihre Leistung stehen unaufhörlich auf dem Prüfstand. Sie setzen sich daher im Training ganz bewusst unter Druck, um sich auf das Spiel bzw. den Wettbewerb vorzubereiten. Manchmal erhöhen sie diesen Druck im Rahmen der Vorbereitung sogar, um beim Wettkampf das Beste aus sich herausholen zu können.

Eine starke mentale Verfassung ist dabei das A und O. Wer sich hier nicht wohl fühlt, wird es schwer haben, schnell wieder auf die Beine zu kommen. Es braucht daher auch die Unterstützung eines guten Coaches, der einfühlsam ist und hilfreiches Feedback geben kann.

Mit Resilienz weg vom Burnout und hin zum Erfolg

Auch wenn sich der Druck in der Arbeitswelt unterscheidet, lässt sich die Idee einer guten Feedbackkultur übertragen. Der Aufbau von Resilienz durch eine empathische, unterstützende Führungskraft ist unerlässlich. Feedback sollte deshalb nicht nur stattfinden, wenn etwas schiefgeht. Eine gute Führungskraft sucht vielmehr ständig nach Möglichkeiten, Mitarbeiter:innen zu motivieren und ihnen zu helfen, sich zu verbessern.

Dabei stehen aber auch Führungskräfte oft unter großem Druck. Sie stellen hohe Anforderungen an sich selbst und werden von vergleichbaren Erwartungen und Eigenschaften angetrieben wie Profisportler:innen. Sie streben nach Perfektion – eine Eigenschaft, die bei Führungskräften oft gefeiert wird. In vielen Fällen erreicht dieses Streben jedoch genau das Gegenteil. Es führt nicht zur gewünschten Perfektion, sondern zu einem Burnout.

In mehr als 50 Prozent aller Fälle ist Stress verantwortlich für langfristige arbeitsbedingte Fehlzeiten, Unzufriedenheit und Personalfluktuation. Die Förderung von Resilienz kann Burnout vorbeugen und den Weg zum Erfolg begünstigen. Führungskräfte sind also gut darin beraten, sich anstatt ausschließlich auf Perfektion, auf den Fortschritt zu konzentrieren – in ihrer Belegschaft und bei sich selbst.

„Wenn Mitarbeiter:innen nicht gut drauf sind, sind sie auch nicht belastbar. So einfach ist das.“

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Ansprechpartner

Bevan Gray
Head of Human Capital Solutions, DACH

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