Synthetische Garantien bei W&I-Versicherungen: Mythen und Missverständnisse

Warranty & Indemnity (W&I)-Versicherungen haben sich in den letzten Jahren im M&A-Markt bei der Absicherung von Risiken einer Unternehmenstransaktion mehr und mehr zum Standard entwickelt. Dabei schließen Käufer und Verkäufer einen Unternehmenskaufvertrag (Share Purchase Agreement, SPA) ab – mit allen Regelungen, insbesondere auch mit Zusicherungen und Garantien zum Zustand des Unternehmens. Diesen Vertrag nimmt der W&I-Versicherer als Grundlage für seine Versicherungspolice. In aller Munde sind derzeit jedoch nicht solche „normalen“ W&I-Versicherungen, sondern Konzepte, bei denen die Zusicherungen und Garantien als Anlage zur Police genommen werden, und zwar ohne Verankerung im SPA („synthetisch“).

Dies bedeutet folgendes: Für den Fall, dass Käufer und Verkäufer keine Garantien vereinbart haben, beispielsweise bei Verkäufen aus der Insolvenz (Distressed M&A), bietet sich für den W&I-Versicherer an, eine synthetische Lösung zu erarbeiten und anzubieten. Denn gerade dann, wenn der Verkäufer selbst Zusagen zum Zustand des Unternehmens oder der Assets nicht in den Kaufvertrag aufnimmt, gibt es kein Fundament mehr, auf das der W&I-Versicherer aufbauen kann. So ist das Konzept der synthetischen Garantie im Versicherungsmarkt entstanden: Hier schlüpft der W&I-Versicherer in die Rolle des Verkäufers und verhandelt mit dem Erwerber direkt den Umfang des Garantiekatalogs, ohne den Verkäufer zu involvieren. So erstellt entweder der W&I Versicherer für eine spezielle Industriegruppe einen Grundkatalog basierend auf seiner Erfahrung aus mehreren hundert Transaktionen oder der Erwerber bringt seinen eigenen Garantiekatalog ein. In beiden Fällen verhandeln anschließend W&I-Versicherer und Erwerber über die Garantien, die dann als Anlage zur Police genommen werden. Gerade auch aufgrund der Corona-Krise und ihren Folgen wird in Zukunft mit einem wachsenden Markt für Distressed Assets und synthetische Lösungen zu rechnen sein.

In der allgemeinen Diskussion um solche synthetischen Konzepte haben sich einige Mythen und Missverständnisse eingeschlichen, mit denen wir an dieser Stelle aufräumen möchten.

Es gibt keine Musterlösung für Garantiekataloge

So hält sich die Mär, dass es das eine synthetische Konzept gibt: eine Grundidee beziehungsweise eine Master-Lösung, die für all solche Transaktionen anwendbar ist. So ist es allerdings nicht. Vielmehr handelt es sich bei diesen Konzepten immer um Einzelfalllösungen, bei denen Versicherer unter anderem ganz genau darauf schauen, welche Informationen und Informationsträger überhaupt noch im Unternehmen verfügbar sind. Auch die technische Umsetzung folgt dabei nicht einem Plan, sondern hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie der Mitwirkung des Verkäufers, der Attraktivität und dem Zustand des Zielunternehmens und der Verhandlungsmacht des Erwerbers. Dabei kann der Garantiekatalog von dem W&I- Versicherer oder dem Erwerber gestellt werden oder – als dritte Variante – als „Management Warranty Deed“ von den Geschäftsführern des Zielunternehmens stammen.

Nicht jeder Deal ist synthetisch abzusichern

Ein weiterer Mythos ist, dass grundsätzlich jeder Deal mit einer synthetischen Lösung absicherbar ist. Richtig ist hingegen, dass die Versicherer eine eindeutige Erklärung dafür brauchen, warum der Verkäufer hier nicht in das Risiko treten kann oder zumindest sehr stark daran gehindert ist, eine passende Garantieunterfütterung abzugeben. Das ist im Moment auf die Fälle beschränkt, in denen der Verkäufer in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist, weil die äußeren Rahmenbedingungen sich plötzlich und unerwartet massiv geändert haben. Sollte die finanzielle Schieflage des Zielunternehmens jedoch auf Missmanagement, unternehmerischen Fehlentscheidungen oder Schlimmerem (beispielsweise Bilanzbetrug) beruhen, wird es ungleich schwerer, Versicherer davon zu überzeugen, hier in das Risiko zu gehen.

Nicht jeder Versicherer verfügt über die nötige Expertise

Ein weiteres Missverständnis herrscht dahingehend, dass es eine breite Markterfahrung gibt und dass jeder Versicherer solche synthetischen Lösungen anbieten kann. Beides stimmt nicht. Aon hat eine umfassende Marktumfrage und -analyse durchgeführt. Das Ergebnis: Derzeit gibt es vier Versicherer, die bereits synthetische Garantien bei W&I-Versicherungen gegeben haben, und sechs weitere, die sich in puncto Kapazitäten grundsätzlich in der Lage sehen, eine solche Lösung zu entwickeln. Erforderlich ist dazu eine sehr breite W&I-Erfahrung; das heißt: mindestens 20 bis 30 vollendete Transaktionen und mehrere hundert Quotierungen über die letzten Jahre. Nur dann verfügt der Versicherer – neben der Prüfungserfahrung – auf der Datenseite über einen vergleichbaren Pool an Garantiekatalogen, auf die er zurückgreifen kann. Um es nochmals klarzustellen: Weder gibt es diverse Anbieter am Markt mit etlichen solcher synthetischen Kontrakte – diese sind also alles andere als alltäglich –, noch ist es wahr, dass am Markt keine synthetischen Garantien bei W&I-Versicherungen existieren.

Letztlich teilen wir die allgemeine Auffassung, dass wir es zum Jahreswechsel mit einer steigenden Anzahl an Unternehmensinsolvenzen zu tun haben werden. Da es hier üblicherweise keine Garantien vom Verkäufer, dem Insolvenzverwalter, geben wird, stellt sich das Problem einer adäquaten Risikolösung; schließlich werden die Käufer anderenfalls mit massiven Risikoabschlägen zum Kaufpreis arbeiten. Um dies zu verhindern und von den Vorteilen einer W&I-Versicherung zu profitieren, sehen wir die Notwendigkeit einer synthetischen Lösung. Diese erfordert jedoch fundierte Erfahrung in puncto Erarbeitung und Strukturierung, sowohl auf Seiten des Versicherers als auch des Brokers. Gern stehen wir für Fragen zur Verfügung und unterstützen Sie bei einer entsprechenden Gestaltung.

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Dr. Matthias Luettges
Head of M&A and Transaction Solutions, Germany
+49 69 29727-3203

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