Schifffahrt

Angespannte Lage auf hoher See

Der Trend zur Konsolidierung hält weiter an: Nicht nur bei den Reedereien, sondern auch bei Versicherern ist eine Marktkonzentration zu beobachten. Getrieben von niedrigen Einnahmen bei gleichen oder gestiegenen Kosten bleibt der Druck auf die Schifffahrtsbranche hoch.

Heraus-
forderungen
auf dem Meer
Die unvorhersehbare Situation im Golf von Oman sowie das Risiko maritimer Cyber-Angriffe gehören zu den größten Risiken für die Schifffahrt.

Marktsituation

In den ersten beiden Quartalen 2019 lässt sich eine gestiegene Schadenlast beobachten. Viele Haftpflicht­versicherer melden Defizite für das Versicherungs­jahr 2018/2019. Die Wahrscheinlichkeit steigender Prämien ist groß – insbesondere bei angespannten Schaden­verläufen.

Seekasko

Schon in 2017 wurde insbesondere der Lloyd‘s Markt von diversen Naturkatastrophen erschüttert. Die Hurrikans Harvey, Irma und Maria zählen zu den größten maritimen Schadenverursachern der letzten fünf Jahre. Auch 2018 kamen Hurrikans wie Florence und Michael die Versicherer teuer zu stehen. Doch der wohl größte maritime Schaden geht auf das Feuer in der Bremer Lürssen-Werft zurück.

Diese Ereignisse und die strengen Anforderungen von Lloyd‘s of London an die Profitabilität der Syndikate führten dazu, dass bereits ein Dutzend Lloyd‘s Syndikate das Marinegeschäft komplett eingestellt oder zumindest deutlich eingeschränkt haben. Ausgehend von London hat die Marktverhärtung Versicherer weltweit erreicht. So prüfen die Kaskoversicherer ihre Schadenquoten genau und zeichnen Kaskogeschäft deutlich restriktiver als zuvor.

P&I (Haftpflicht)

Laut neusten Zählungen durch Trade Winds haben die internationalen Haftpflichtversicherer (International Group of P&I Clubs) im Versicherungsjahr 2018/2019 bereits 24 Schäden über 10.000.000 USD für das gemeinsame Rückversicherungsprogramm angemeldet. In den vergangenen drei Jahren wurden im Durchschnitt nur 15 Schäden pro Jahr gemeldet.

Im Vergleich zum letzten Jahrzehnt ist 2018/2019 das Jahr mit den meisten Schäden

Auch im Vergleich zum letzten Jahrzehnt ist 2018/2019 das Jahr mit den meisten Schäden. Vor diesem Hintergrund erwarten die Versicherer ein Rekordschadenjahr. So ist es nicht erstaunlich, dass mehrere Haftpflichtversicherer bereits Verluste für 2018/2019 gemeldet haben.
Derzeitig können die Verluste zwar aus den Reserven der Clubs getragen werden, eine Tendenz zu steigenden Prämien ist jedoch zu erwarten.

Ausblick

Seekasko

Die Verknappung der Kapazitäten in Lloyd‘s hat auch die Versicherer im Fernen Osten erfasst. In Asien überprüfen die Versicherer zunehmend ihre Schadenquoten und fordern erhebliche Erhöhungen bei belasteten Schadenverläufen. Im Moment zeichnet sich weltweit ein Trend zur Verknappung von Kapazitäten ab. Nach Jahren der Überkapazität und sinkenden Prämien müssen sich die Reedereien auf steigende Kaskoprämien vorbereiten.

P&I (Haftpflicht)

Viele P&I-Versicherer weisen bereits jetzt darauf hin, dass das aktuelle Prämienniveau langfristig nicht wirtschaftlich ist. Die gestiegene Schadenlast gepaart mit wenig Kompensationsmöglichkeiten durch Anlagen am Kapitalmarkt setzt die Versicherer unter Druck. Bei den nächsten Vertragsverhandlungen im Februar 2020 ist davon auszugehen, dass General Increases ankündigt werden und sich die Prämien für alle Versicherungsnehmer prozentual erhöhen dürften.

Markttrends

Cyber

Der Hackerangriff auf die Reederei Maersk im Sommer 2017 hat die maritime Branche für das Thema Cyber-Sicherheit sensibilisiert. Der Markt der Versicherer hat reagiert und entwickelt Angebote, die auf maritime Risiken zugeschnitten sind. Das Risiko, bei einer Cyber-Attacke überführt zu werden, ist gering – ein erfolgreicher Angriff verspricht jedoch für die Täter erhebliche Gewinne. Daher finden sich immer mehr Schifffahrtsunternehmen unter den Geschädigten. Es ist deshalb davon auszugehen, dass sich der Markt für Cyber-Policen dynamisch entwickeln wird.

Umweltgesetzgebung

Aktuell beschäftigen die Marktteilnehmer auch die neuen Regularien der IMO (International Maritime Organization).

Die Umstellung auf schwefelarmen Treibstoff stellt die Reeder vor technische und finanzielle Herausforderungen

Sie sehen ab dem 01.01.2020 vor, dass nur noch Treibstoffe mit einem Schwefelgehalt von maximal 0,5 Prozent verwendet werden dürfen, sofern die Schiffe nicht über eine Abgasreinigungsanlage verfügen. Die Umstellung auf schwefelarmen Treibstoff stellt die Reeder vor neue technische und finanzielle Herausforderungen.

Kriegsrisiken

Im Juni 2019 sind erneut zwei Tanker im Golf von Oman angegriffen worden. Diesen Attacken vorausgegangen waren bereits Angriffe auf vier Tanker im Mai des gleichen Jahres. Über die Straße von Hormus, eine Meerenge, die den Persischen Golf mit dem Golf von Oman verbindet, läuft ein großer Teil des weltweiten Öltransportes.

Das Joint War Committee der Versicherungsbörse Lloyd’s hat unmittelbar auf die ersten Angriffe reagiert und die Risikoeinstufung für den Golf von Oman angehoben. Dadurch müssen Tankereigner für Anläufe in dieser Region höhere Zulageprämien zur Kriegsdeckung bezahlen. Diese Mehrkosten bringen Eigner, Charterer sowie Ladungseigner in finanzielle Bedrängnis. Für die Versicherer ergibt sich ein unkalkulierbares Risiko. Die Lage in diesem Gebiet bleibt volatil und unvorhersehbar.