Die Zeche Zollverein in Essen

Der Sachversicherungsmarkt steht nicht am Beginn einer neuen Marktphase. Auch wenn sich die Preisdynamik der Vorjahre abschwächt, ist eine zunehmende Risikobereitschaft der Versicherer nicht zu erwarten. Unternehmen sollten sich im Zuge der Vertragserneuerungen vielmehr auf die Folgen einer nachhaltigen und veränderten Zeichnungspolitik der Versicherer einstellen, die von einer veränderten Kultur des Underwriting geprägt wird.

Marktsituation

Auf den ersten Blick haben die bisherigen Sanierungsbemühungen der Versicherer dazu geführt, dass eine erneute Verbesserung der Ertragssituation eingetreten ist. 2020 endet mit einer Schadenkostenquote von 94 %. Dies führt im Ergebnis zwar nicht dazu, den derzeit angespannten Markttrend zu drehen. Allerdings hat sich in den ersten beiden Quartalen der in den vergangenen Jahren vorherrschende Trend massiver Prämiensteigerungen deutlich reduziert.

94 %
beträgt die Schaden­kosten­quote Ende 2020 in der Sach­versicherung

Erster Optimismus ist angemessen, aber Euphorie leider unangebracht. Denn neben den jüngsten Prämienerhöhungen war eine weit unterdurchschnittliche Großschadenbelastung für die verbesserte Ertragssituation mitverantwortlich. Ferner zeigen die jüngsten Großschadenereignisse auf, dass die positive Entwicklung der Großschäden scheinbar nicht als Trend qualifiziert werden kann, und sorgen zudem dafür, dass die Hochrechnung des GDV zur Schadenkostenquote den 100%-Schwellenwert bereits wieder deutlich überschreitet.

International haben insbesondere die Schäden durch Wintersturm „Uri“ in Texas in den Industrie-Clustern Baytown und Houston erhebliche Schäden verursacht. Auch die Halbleiterindustrie war hier von Betriebsunterbrechungen betroffen. Dies hat zu einer ganz besonderen Dramatik in der Automobilindustrie geführt. Denn im März ereignete sich zusätzlich in der Chipfabrik eines japanischen Unternehmens ein Brand, der weltweite Engpässe von Halbleitern in der Automobilindustrie zur Folge hatte.

Ausblick

Es wird mehr Versicherer im Vergleich zum Vorjahr geben, die sich nach intensiver Beschäftigung mit dem eigenen Bestand wieder dem Neugeschäft zuwenden wollen oder müssen. Das eröffnet Möglichkeiten oftmals dort, wo relevante Erhöhungen der letzten Jahre das Prämienniveau von Unternehmen bereits deutlich erhöht haben und Versicherer davon überzeugt sind, diesen Weg unverändert fortführen zu können und dies unabhängig von der positiven Entwicklung des Brandschutzes.

Entwicklungen von Prämien und Schäden in der industriellen Sachversicherung*

Quelle: GDV-Branchenstatistik inländisches Direktgeschäft,gerundete Beträge und Quoten

* Feuer, Feuer-Betriebsunterbrechung, Extended Coverage und All-Risk

Den Beginn einer neuen Marktphase oder eine zunehmende Risikobereitschaft der Versicherer sollte man jedoch noch nicht erwarten. Die Politik der Versicherer in Form selektiver Auswahl der Risiken, erhöhter Anforderungen an die Qualität des Brandschutzes sowie die zurückhaltende Bereitstellung von Kapazitäten ist kein Modetrend, sondern muss dem langfristigen Trend nachhaltiger Risikopolitik der Versicherer zugeschrieben werden.

Anhaltend und intensiv wird die Diskussion um die Pandemie- und Cyberausschlüsse weitergeführt, da die Rückversicherer die Erstversicherer nicht aus dieser Verpflichtung entlassen wollen. Eine konsequente und kurzfristige Umsetzung der Ausschlussklauseln analog dem internationalen Markt wird der deutsche Markt nicht gewähren. Allerdings erhöhen sich insbesondere bei internationalen Programmen der Druck und die Anzahl der Versicherer, welche diesen Weg beschreiten wollen.

Markttrends

Obwohl die Ungewissheit über Art und Umfang von Ansprüchen im Zusammenhang mit COVID-19 insbesondere aus der internationalen Betrachtung nicht beseitigt ist, nehmen andere Themen wieder deutlich mehr Raum ein. So sind die Diskussionen rund um das Rückwirkungsrisiko zum wiederholten Male neu entfacht. Unternehmen mit hohen außerbetrieblichen Abhängigkeiten müssen in diesem Umfeld wieder damit rechnen, dass Versicherer erhöhten Risikoinformationsbedarf haben und z. B. die Resilienz des – Supply Chain Managements – sowie die Höhe von Limits verstärkt thematisieren.

In der Unternehmens­kultur sollte verankert bleiben, dass die stetige Verbesserung des Brand­schutzes die Wett­bewerbs­fähigkeit im Sach-Segment erhöht. Das ist mit­entscheidend für die positive und nach­haltige Steuerung der Gesamt­risiko­kosten.

Thomas Markert

Wetterbedingte Naturgefahren bleiben ein ganz wesentlicher Risiko- und Schadentreiber und haben mit Dürre und Waldbränden Gefährten, die immer mehr an Relevanz gewinnen. Das laufende Jahr bestätigt den Trend des Vorjahres, die Vereinigten Staaten bleiben der Hotspot für jegliche Form der Naturgefahren.

Der Transformationsprozess der Industrieversicherer hält an und hat mit COVID-19 eine zusätzliche Dynamik entfacht, sich kurzfristig und noch intensiver mit dem Thema „New Work“ auseinanderzusetzen. Viele Versicherer wollen das Momentum nutzen, um jetzt auch in der industriellen Versicherung die Digitalisierung der Prozesse, Homeoffice und Remote-Besichtigungen fest in die Arbeitsorganisation zu implementieren.

Dabei lässt sich feststellen, dass auch das Underwriting eine elementare Veränderung erfahren dürfte. Kunden sollten sich auf nachhaltige Veränderungen einstellen, da hier die Weichen für die Preisbildung und Zeichnungsanteile gestellt werden. Digitale und aktuarielle Entscheidungen werden zunehmen und lassen weniger Platz für Transparenz, Kompromisse und Verhandlungen.

Dieser Marktsituation sollten Kunden mit anhaltender Disziplin begegnen, indem Unternehmen frühzeitig die Risikounterlagen aktualisieren und Alternativen prüfen, indem eine veränderte Deckungsarchitektur, höhere Selbstbehalte oder aber alternative Risikotransferlösungen wie Captives in die Überlegungen einbezogen werden.

Internationale Märkte und Kapazitäten werden dabei in Zukunft nicht nur selektiv, sondern insbesondere für angespannte Branchen wie beispielsweise Unternehmen der chemischen Industrie immer mehr zum Standard.