Blick über die Münchener City

Bei der Absicherung von Haftpflichtrisiken sehen sich Unternehmen mit steigenden Prämienforderungen der Versicherer und bei risikoexponierten Branchen schlechteren Konditionen und geringeren Kapazitäten konfrontiert. Viel Bewegung gibt es bei „Digitalisierungslösungen“. Gefragt sind mehr denn je ein gutes Risikomanagement und eine hohe Dialogbereitschaft.

Marktsituation

Die aktuellen Zahlen des Branchenverbands GDV bestätigen es: Das Segment Haftpflichtversicherungen ist für die Versicherungswirtschaft nach wie vor attraktiv. Privatpersonen und Unternehmen in Deutschland hatten im vergangenen Jahr 8,2 Mrd. Euro für Haftpflichtversicherungen ausgegeben. Das ist ein Prozent mehr als im Vorjahr. Die Schadenkostenquote der Versicherer liegt bei 88 % und damit einen Prozentpunkt unterhalb der GDV-Schätzung des Vorjahres. Diesen guten Wert prognostiziert der Verband für 2021 bei leicht steigenden Beitragseinnahmen.

8.4 Mrd. €
Prämie
+2.5% gegenüber 2020
65 %
Schadenquote
net-infrastructure
5.4 Mrd. €
Schäden
+2.5% gegenüber 2020
88 %
Schaden-Kosten-Quote

Quelle: GDV, Hochrechnung unter GDV-Mitgliedsunternehmen

Speziell im Industriegeschäft bleibt die Welt jedoch eine andere und zeigt sich für die Unternehmen unterschiedlich. Allgemein ist das Industriegeschäft von Prämienerhöhungen, einem Abbau an Kapazitäten, Anpassungen von Selbstbeteiligungen bis hin zu ersten Einschränkungen im Deckungsumfang gekennzeichnet. Dieser Trend trifft die Unternehmen unterschiedlich und wirkt sich verstärkt auf besonders exponierte Branchen oder Risiken aus.

Die Entwicklungen führen z. B. bei Kfz-Zulieferern zu teilweise empfindlichen Prämienerhöhungen, in Einzelfällen im hohen Prozentbereich, und zur Anhebung der Selbstbeteiligungen, im Einzelfall um ein Mehrfaches des bisherigen Niveaus. Eine Ursache des Trends liegt in den schlechten Ergebnissen der Versicherer bei Kfz-Zulieferern. Auch für Risiken im Bereich der chemischen Industrie verschärft sich der Prämienanstieg.

Ein besonderes Augenmerk richtet sich auf US-Risiken. Die Ursachen hierfür liegen vor allem im Trend, dass hohe Schadenersatzurteile ergehen, deren Steigerung dem Umfang nach weit über dem Anstieg der Inflationsrate liegt (Social Inflation). So hat z. B. in den Jahren 2010 bis 2018 der Umfang der Schadenersatzurteile jährlich um 51,7 % zugenommen, während zugleich die Inflationsrate bei nur 1,7 % lag. Dies wird auch auf gewandelte gesellschaftliche Überzeugungen zurückgeführt, u. a. durch die Besetzung der Jury-Gerichte mit Millennials. Zudem sind Haftpflichtversicherer im Personenschadenbereich mit extrem hohen Einzelschäden konfrontiert (Nuclear Verdicts). Im Extremfall drohen sogar Schadenzahlungen oberhalb der Versicherungssumme infolge fehlerhafter Schadenregulierung (Bad Faith Claims). Diese Entwicklungen sensibilisieren die Versicherer und führen zu höheren Prämien für US-Risiken und vorsichtigerem Zeichnungsverhalten.

Bei Konzernkunden mit hohen Umsätzen bzw. bei Haftpflichtprogrammen mit hohen Deckungssummen machen sich die reduzierten Kapazitäten einiger Versicherer bemerkbar. Bei Industrieunternehmen im Bereich Middle Market oder Upper Middle Market, die nicht in risikoexponierten Branchen tätig sind, fällt der Trend des sich verhärtenden Marktes schwächer aus. Vielmehr möchten Versicherer in diesem Bereich wachsen.

Ausblick

Angesichts der Herausforderungen bei der Digitalisierung von Produktionsprozessen und Lieferketten ist ein steigender Bedarf an Haftpflicht-Versicherungsschutz zu erkennen. Bei den Lösungen gibt es noch große Unterschiede in den Versicherungsbedingungen (vor allem im Bereich von Deckungserweiterungen bei reinen Vermögensschäden bis hin zur offenen Mitversicherung), die sich aber erfahrungsgemäß angleichen werden. Bei innovativen Deckungserweiterungen, wie bspw. der Tech E&O, setzt sich das vorsichtige Zeichnungsverhalten fort.

COVID-19-bedingte Umsatzrückgänge haben, wenn überhaupt, nur im Bereich des Mittelstandes Auswirkungen auf die Prämien.

Lutz Füngerlings

Versicherer haben im Lichte der gestiegenen Risiken massiv erhöhten Informationsbedarf. Sie fordern z. B. Angaben zu chemischen Bestandteilen von Erzeugnissen, Abnehmern und Einsatzgebieten (Chemieindustrie) bzw. Details zu einzelnen Teilen, die zum Einbau in Kraftfahrzeugen bestimmt sind, wie Chargengrößen oder Hinweise zur Entwicklung (Kfz-Zulieferer). Die erwartungsgemäße Erfüllung dieses Informationsbedarfs ist „der“ Schlüssel für eine erfolgreiche Vertragsverlängerung und adäquate Absicherung der Haftpflichtrisiken eines Unternehmens.

Im Zuge des Dialogs werden nicht nur regelmäßig Risiken der Digitalisierung thematisiert, sondern auch die sonstigen Risikoverhältnisse und -veränderungen bewertet. Dieser Austausch wird nach unserer Erwartung noch weiter zunehmen und Unternehmen mit gutem Risikomanagement in eine Poleposition bringen. Das ermöglicht es, den notwendigen Versicherungsschutz zu vergleichsweise adäquaten Prämien und Konditionen zu erhalten.

Im Zusammenhang mit den Themen der Digitalisierung und der zunehmenden Bedeutung der Cyber-Versicherung haben erste Märkte auch Regelungsbedarf zur Abgrenzung der Haftpflichtversicherung von der Cyber-Versicherung („silent cyber“ oder „affirmative cyber“) angemeldet. Wir diskutieren hier die Vermeidung etwaiger Einschränkungen des Versicherungsschutzes, insbesondere für reine Vermögensschäden. Leider gelingt dies nicht immer. Cyber-Versicherungen kompensieren diese Einschränkungen bis dato nicht ausreichend. Eine Lösung dieses Konfliktes über Tech E&O-Versicherungen ist häufig ratsam, wenn auch gegenwärtig aufgrund des vorbeschriebenen, vorsichtigen Zeichnungsverhaltens (immer noch) schwierig.

Markttrends

Das Inkrafttreten der bereits im Jahr 2017 neu geregelten Medizinprodukteverordnung ((EU) 2017/745) hat neue Pflichten für Hersteller mit sich gebracht (zusätzliche klinische Prüfungen und den Nachweis der adäquaten Absicherung des Haftungsrisikos). Erweiterter Deckungsbedarf wird entsprechende Kosten für Medizinproduktehersteller zur Folge haben.

Der Dialog zwischen Unternehmen, Makler und Versicherer hat sich weiter intensiviert und ist der wichtigste Bestandteil der Risikobewertung.

Thomas Gahr

Die Digitalisierung der Versicherungswirtschaft schreitet fort. Die veränderte Kommunikation und Zusammenarbeit in der industriellen Haftpflichtversicherung ist nicht nur vor dem Hintergrund von COVID-19 (Homeoffice, Mobile Working) zu betrachten, sondern wird auch nach Überwindung der Krise fortwirken.

Durch das Ausscheiden von UK aus der EU (Brexit) sind Vertragsanpassungen notwendig (z. B. Umweltschadenversicherung, Klärung versicherungsteuerlicher Fragen, Status UK als Verbotsland).

Der erkennbare Trend der Marktverhärtung wird die Prämien und Konditionen für Industriehaftpflichtversicherungen auch bei gut verlaufenden Risiken beeinflussen. Denn die Ergebnisse der Versicherer sind aufgrund der über einen längeren Zeitraum niedrigeren Prämien und zunehmenden Schäden noch belastet.

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