Neues Rathaus und Clara Zetkin Park in Leipzig

Der D&O-Markt bleibt verhärtet. Im Zuge neuer Gesetze, der wieder uneingeschränkt geltenden Insolvenzantragspflicht und des Wegfalls pandemiebedingter Haftungsprivilegierungen steigen die Haftungsrisiken für Unternehmensleiter weiter an. Versicherer werden Risiken genau prüfen und erhöhten Informationsbedarf anmelden.

Marktsituation

Die COVID-19-Pandemie hat die Versicherer gehörig verunsichert. Die aktuelle Entwicklung lässt hoffen, dass verzögerte Angebote, lange Reaktionszeiten und teils verwirrende COVID-19-spezifische Fragen bald der Vergangenheit angehören. Ob die Gesetze der Bundesregierung zum Schutz von in die Krise geratenen Unternehmen, wie das SanInsFoG* und StaRUG*, Wirkung entfalten werden, wird die Zukunft zeigen.

Circa
10 – 15
Mio. €
betragen D&O-Versicherungssummen der Anbieter.

Eine Entspannung des D&O-Markts ist daher nicht erkennbar. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) rechnet aufgrund der Corona-Krise für das Jahr 2021 mit einer großen Anzahl von Schadenersatzforderungen gegen Manager.** Versicherer versuchen, drohende Abwehrkosten oder Schadenzahlungen durch Vertragsanpassungen, schlimmstenfalls durch Insolvenzausschlüsse, abzumildern.

Neue Gesetze, wie etwa das an Unternehmen gerichtete Lieferkettengesetz, sowie die Umsetzung der Whistleblower-Richtlinie in nationales Gesetz zum Schutz von Hinweisgebern sorgen für neue Herausforderungen und Haftungsrisiken von Unternehmensleitern.

Ein aus Amerika nach Europa übergeschwappter Trend sind die Gründungen von Special Purpose Acquisition Companies, sog. SPACs. Sponsoren sammeln mit den gegründeten Mantelgesellschaften über einen Börsengang Kapital ein, um damit in Gesellschaften zu investieren und mit dem Investment die operative Gesellschaft direkt an die Börse zu bringen.

Versicherer bieten für die Unternehmensleiter der SPACs noch zurückhaltend D&O-Versicherungsschutz an. Als Gründe für die restriktive Haltung verweisen sie unter anderem auf die hohe Anzahl an Wertpapieransprüchen im Zusammenhang mit SPACs in den USA, die Unsicherheit zu den Zielgesellschaften und eventuell bestehende Kumulrisiken.

Herausfordernde D&O-Platzierungen stellen zudem mit Krypto-Währungen verbundene oder handelnde Unternehmen dar. Dieser Markt wird als höchst riskant, spekulativ und volatil eingeschätzt, weswegen Risikoträger an D&O-Schutz interessierte Unternehmen kritisch prüfen.

Ausblick

Letzte Langläufer-Verträge mit vorteilhaften Konditionen aus der weichen Marktphase durchlaufen eine Neuordnung und werden vermutlich mit signifikanten Prämienerhöhungen dem Anbietermarkt angepasst. Für bereits angepasste Verträge müssen – vorbehaltlich einer für gut befundenen Risikobewertung – moderate Prämienerhöhungen im Umfang von schätzungsweise 15 bis 25 % einkalkuliert werden.

Vierteljährlicher Index der D&O-Preise

Index 2001 = 1,00

Quelle: Aon Pricing Index D&O

D&O-Versicherungssummen der Anbieter belaufen sich auf ca. 10 bis 15 Mio. Euro, wobei sich einige Risikoträger auf 5 Mio. Euro beschränken, andere wiederum in Einzelfällen unverändert 25 Mio. Euro beibehalten. Neuanfragen finden bei Anbietern wieder größeres Interesse, wenn auch angebotene Versicherungssummen häufig im Vergleich zu geschriebenem Bestandsgeschäft niedriger ausfallen.

Assekuradeure erweitern ihre Zeichnungsvollmachten mit Risikoträgern oder treten in den deutschen Markt ein, wodurch Kapazitätslücken geschlossen werden können, die durch verschwundene Anbieter (z. B. Starstone, Argo Global) entstanden waren.

Schwierig gestaltet sich der Markt für Grundversicherungsschutz, insbesondere für international agierende Unternehmen mit Bedarf an Lokalpolicen. Begrenzen Grundversicherer ihre Limite, werden Exzedentenversicherer regelmäßig folgen, was für D&O-Versicherungsprogramme eine Zunahme von beteiligten Versicherern bedeutet. Sollte für den Grundvertrag kein international agierender Versicherer zu finden sein, ist über separate lokale Deckungen in Hochrisikoländern nachzudenken.

Globale Märkte (London, Bermuda usw.) stoßen bei exponierten Risiken wie US-gelisteten Unternehmen, SPACs sowie Unternehmen aus „Problembranchen“*** auf größeres Interesse.

Neue Ausschlüsse sind am Markt sichtbar, wie etwa Pandemie-Ausschluss-Klauseln. Eine Zunahme anzeige­pflichtiger Gefahr­erhöhungen ist auch zu erwarten, bspw. bei Insolvenzen, Unternehmens­fusionen und -zukäufen.

Andrea Michalczyk-Schröder

Markttrends

D&O-Anbieter werden bei unveränderter Risikolage der Unternehmen fokussierter auf die Vertragsbedingungen schauen. Ihr Ziel: den Vertrag auf den ursprünglichen Kern der D&O-Versicherung zurückführen und Auswucherungen der Bedingungsanpassungen in dem vergangenen Jahrzehnt – auch durch Maklerwettbewerb und Kunden getrieben – begegnen. Einschneidendere Kürzungen im Versicherungsumfang werden finanziell geschwächte oder schadenbelastete Unternehmen spüren.

Die für deutsche Verträge typischen langen, unverfallbaren Nachmeldefristen bei Nichtfortsetzung des Vertrags ohne Zusatzkosten für den Versicherungsnehmer werden der Vergangenheit angehören.

Dem durch die Pandemie erwarteten Anstieg der Insolvenzen werden Versicherer teils – zumindest temporär – mit Insolvenzausschlüssen begegnen.

Alternative und ergänzende Versicherungsoptionen, wie die persönliche D&O-Versicherung, Insolvenzschutzdeckungen, Einsatz fakultativen Rückversicherungsschutzes, Überlegung der Risikoverlagerung in unternehmenseigene Captives, werden zunehmend mit den Unternehmen zur Optimierung des Risikomanagements diskutiert.

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* Gesetze zur Fortentwicklung des Sanierungs- und Insolvenzrechts (SanInsFoG), Gesetz über den Stabilisierungs- und Restrukturierungsrahmen (StaRUG)

** Insolvenzen durch Corona: Managern drohen Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe (gdv.de)

*** Problembranchen aus Versicherersicht sind z. B. Fluggesellschaften, Eventveranstalter, Reise & Touristik, Hotel & Gastronomie.