„In Mathe war ich immer schlecht“- Kurzes Statement mit großer Wirkung

Susanne Grepl arbeitet als Aktuarin im Bereich Retirement Solutions bei Aon und studierte Finanz- und Wirtschafstmathematik. Darüber hinaus ist sie Mutter von drei Kindern. Wenn sie mit anderen Müttern ins Gespräch kommt und ihre Ausbildung erwähnt, ist die Reaktion meist gleich: „In Mathe war ich immer schlecht“, hört sie dann allzuoft von anderen Frauen. Eine Aussage, die unbedacht und wahrheitsgetreu fallengelassen wird, jedoch nach Meinung von Susanne Grepl Folgen hat – vor allem dann, wenn sie vor Kindern gemacht wird.

„Stereotype sind Schablonen durch die wir Menschen sehen und bewerten. Stereotype werden von einem großen Teil der Bevölkerung vertreten und sie bestätigen den Einzelnen in seinen Überzeugungen. Kinder sind sehr empfänglich für Stereotype, da sie naturgemäß das Bedürfnis haben, sich Gruppen zuzuordnen um ihren Platz in der Welt zu finden. Sie nehmen Signale aus ihrer Umwelt auf und bauen daraus ein Netzwerk an Informationen. Aus erkannten Mustern bilden sich Stereotype.“, erklärt die Mutter.

Geschlechterunterschiede? Die gibt es.

Frauen sind nicht gut in Naturwissenschaften, aber dafür ordentlicher und sozialer, während Männer logischer denken und besser Autofahren können. Erwartungshaltungen, die wir unseren Kindern unbewusst vorleben und die sich bereits sehr früh einprägen. Dass es Geschlechterunterschiede gibt, will Susanne Grepl dabei gar nicht bestreiten: „Natürlich gibt es bestimmte Fähigkeiten, die Mädchen oder Jungen leichter fallen. Solche Unterschiede lassen sich evolutionsbiologisch erklären. Es gibt Studien die zeigen, dass dem weiblichen Geschlecht ein höheres soziales Interesse angeboren ist. Mädchen definieren ihren Selbstwert mehr aus ihren sozialen Beziehungen und Jungen aus ihrer individuellen Leistung. Die Frage ist nur, wieviel Unterschied ist wirklich da und wieviel wird uns durch unzählige Studien, die immer auch das Geschlecht auswerten, eingeredet. Am Ende ist es gar nicht mehr möglich abzugrenzen, welche Geschlechtsunterschiede auf unseren Anlagen beruhen und welche durch Sozialisierung und das aufprägen von Stereotypen verstärkt werden.“, äußert Susanne Grepl.

Stereotype machen uns das Leben leicht – aber auch langweilig

„Mit dem Verfolgen von Stereotypen verstärken wir Geschlechterunterschiede. Diese werden dann schnell auch mal als Entschuldigung für etwas genutzt, was einem anfangs vielleicht nicht so leicht fällt. Klar, es ist leichter, wenn wir uns nicht anstrengen müssen und in unserer „Schublade“ bleiben.“ Während ihrer Schulzeit hat sie beobachtet, dass Mädchen sich nicht anstrengen, da man es nicht von ihnen erwartet und auf der anderen Seite Lehrer bei der Heftführung von Jungen eher nachsichtig waren. Ich mache auch immer wieder etwas, mit dem meine Kinder nicht rechnen z.B. Holz hacken oder den Grill anzünden.“, erzählt sie und lacht. „Mir ist wichtig, dass die Muster mit denen meine Kinder aufwachsen, nicht so eng sind.“

Augen auf beim Spielzeugkauf

Jungs spielen mit Autos und Mädchen mit Puppen. Der Klassiker, von dem manche Eltern heute sogar bewusst versuchen abzuweichen, indem sie ihren Kindern vermehrt geschlechterneutrale Spielzeuge schenken. Denn gerade durch solche Spielzeuge reden wir unseren Kindern Interessen und Einstellungen ein (Mädchen müssen hübsch sein, Jungs erleben Abenteuer). Die Spielzeugindustrie trägt ihren Teil zur Vermittlung von Stereotypen bei. Ein Paradebeispiel dafür ist Lego. Der Hersteller will zeigen, dass die bunten Bausteine längst nicht nur was für Jungs sind und bietet deshalb auch Lego für Mädchen – in pink und lila und viel einfacher zum Zusammenbauen.

„Das Lego-Beispiel ärgert mich jedes Mal beim Spielzeugkauf. Es ist erwiesen, dass Lego eine tolle Möglichkeit bietet, räumliches Denkvermögen auszubilden. Indem wir unseren Töchtern Mädchen-Lego kaufen, nehmen wir ihnen diese Chance. Genau so kann man sich die Frage stellen, warum es seit einigen Jahren Überraschungseier für Mädchen gibt. Wir Eltern, aber auch Lehrer und Erzieher, spielen eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der nächsten Generationen. Wenn wir wollen, dass künftig mehr Frauen ihren tatsächlichen Interessen im Beruf nachgehen oder auch mehr die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) besetzen, müssen wir uns jetzt mit Stereotypen auseinandersetzen, uns bestimmte Aussagen vor unseren Kinder verkneifen und einige Dinge gezielter hinterfragen.“

Heldinnen gesucht

„Für unsere Gesellschaft ist Vielfalt wichtig und jeder sollte nach seinen Interessen und Neigungen den Beruf wählen, der Spaß macht. Dazu müssen unsere Kinder inspiriert werden. Dies geschieht in hohem Maße durch die Bücher, die sie lesen. Schade nur, dass in den meisten Kinderbüchern berufstätige Frauen und weibliche Heldinnen so rar gesät sind. Auch deswegen liegt der Schlüssel zu mehr gelebter Chancengleichheit in mutigen Einzelentscheidungen“, ist Susanne Grepl überzeugt. „Frauen, die als Professorinnen der Mathematik arbeiten oder Männer in Führungsrollen, die Elternzeit für sich beanspruchen: Je mehr Menschen sich für solche, für ihr Geschlecht zunächst unübliche Wege entscheiden, desto mehr fallen Stereotype weg und desto normaler wird es, genau das zu tun, was man kann und was man möchte.“


Zur Person

Susanne Grepl absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Bankkaufrau und studierte dann Finanz- und Wirtschaftsmathematik. Seit 13 Jahren ist sie bei Aon im Bereich Retirement Solutions als Aktuarin tätig, wo sie heute die Direktzusagen eines großen deutschen Konzerns betreut und bewertet. Mit einer 30-Stunden-Woche gelingt es ihr, Beruf und Familie zu vereinbaren. Berufliche Erfüllung, egal ob für Männer und Frauen, sollte ihrer Meinung nach nicht von gesellschaftlichen Normen abhängig sein: Gelebte Chancengleichheit und individuelle Selbstentfaltung fängt damit an, überholte Stereotype hinter sich zu lassen: Nur so kann sich Vielfalt entwickeln.

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Susanne Grepl
Senior Consultant – Retirement Solutions
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