„Alle sprechen über D&O, aber die Kapazitäten gehen zurück“ – Aon erklärt, warum das so ist.

Die D&O-Versicherung (aus dem Englischen für Directors & Officers) ist für Unternehmensleiter unverzichtbar. Das gilt erst recht in Zeiten von Covid-19. Das steigende Risikobewusstsein der Manager löst bei den Versicherern aber keine Freude aus. Sie verringern vielmehr ihre Deckungskapazitäten und beginnen sich für dieses Jahr aus dem Neugeschäft zurückzuziehen. In unserem Blog erläutert Marcel Roeder, Chief Broking Officer – Specialty, die Ursachen und Hintergründe.

Herr Roeder, ganze Branchen sind im Corona-Krisenmodus, die Insolvenzrisiken steigen und Manager produzieren negative Schlagzeilen – stets geht’s dabei auch um die D&O-Versicherung, warum?

Roeder: Mit einer D&O-Versicherung stellen Unternehmen sicher, dass ihre Leitungs- und Aufsichtsorgane gegen das Risiko abgesichert sind, dass sie durch ihr Handeln einen Vermögensschaden verursachen. Die Gründe hierfür sind – wie wir in diesen Zeiten immer wieder in der Wirtschaftspresse lesen können – sehr unterschiedlich. In Summe führen sie seit Jahren zu einer starken Zunahme der Haftungsrisiken.

Was sind die Hauptgründe?

Roeder: Wir bewegen uns infolge der Covid-19 Pandemie in einem sehr schwierigen wirtschaftlichen Umfeld. Manager arbeiten unter erhöhtem Zeit- und Entscheidungsdruck, der Fehlerquoten tendenziell erhöht. Einige Branchen, wie zum Beispiel Tourismus und Luftfahrt, kämpfen gegen massiv gestiegene Insolvenzgefahren an. Zudem geraten Manager gehäuft in die Schlagzeilen, weil sie sich Manipulations- und Betrugsvorwürfen erwehren müssen. Gemein ist dieser Vielzahl an Gründen, dass sie zu direkten oder indirekten Kapitalabflüssen in den Unternehmen führen. Mit dem Ziel, diese Einbußen auszugleichen, machen geschädigte Unternehmen Schadenersatzforderungen gegen Vorstand oder Geschäftsführung geltend.

Die Unternehmen gehen als Versicherungsnehmer gegen dieselben Personen vor, die sie im Vertrag abgesichert haben?

Roeder: Richtig, das ist die besondere Konstellation von D&O-Versicherungen. Auch Aufsichtsräte werden auf diese Weise abgesichert, da sie schon von Gesetzes wegen prüfen müssen, ob es zu Schäden gekommen ist, die der Vorstand möglicherweise zu verantworten hat. Sofern dies der Fall ist, muss der Aufsichtsrat die Schadenersatzansprüche geltend machen. Sonst macht er sich ebenfalls haftbar und dies, wie Vorstände und Geschäftsführer auch, gesamtschuldnerisch in unbegrenzter Höhe mit ihrem Privatvermögen. Deshalb ist es wichtig, dass Vorstände, gerade wenn sie in der Krise aus dem Unternehmen ausscheiden, über D&O-Versicherungsschutz verfügen. Sie bleiben auch nach dem Ausscheiden in der D&O Police des Unternehmens mitversichert. Im Rahmen der sogenannten Nachhaftung geht der Versicherungsschutz dann sogar über die Zeit nach Beendigung der D&O Versicherung hinaus. Dies ist wichtig, denn der neue Vorstand ist verpflichtet, alte Sachverhalte aufzuklären und entdeckt hierbei häufig etwaige Vermögensschäden, die er an seinen Vorgänger adressieren wird.

Sie sprachen eingangs von einer Zunahme der Haftungsrisiken. Wie reagieren die Manager darauf?

Roeder: Bei den potenziell Betroffenen stellen wir eine ansteigende Awareness für diese Haftungsrisiken fest. Das liegt entweder daran, weil die Manager in den Branchen tätig sind, in denen gehäuft Haftungsfälle publik geworden sind. Oder es resultiert aus der betrieblichen Leitungsposition heraus in dem Bewusstsein, selbst in eine vergleichbare Situation geraten zu können.

Welche Auswirkungen haben diese Entwicklungen auf den Versicherungsmarkt?

Roeder: Seit nunmehr zehn Jahren erleben wir, dass sowohl die Zahl an Schadenfällen als auch die Höhe der Schadensummen deutlich gestiegen sind. Die D&O-Versicherer sind vielfach global aufgestellt. Bei Großschäden, wie es sie in der Vergangenheit bis in aktuellen Zeitraum häufiger gab, sind die Gesellschaften im Rahmen von Konsortien gemeinsam betroffen. Dies betrifft insbesondere auch die in Deutschland praktisch relevanten D&O Vergleichslösungen. Entsprechend erleben wir im Nachgang, dass ein Großteil der D&O Versicherer in Schäden involviert ist oder war und sich in der Folge verstärkt zurückhält, auch in der Erwartung, dass noch ähnlich gelagerte Schadenfälle folgen könnten.

Mündet diese Zurückhaltung in einer Rücknahme von Deckungskapazitäten?

Roeder: Ja, diese Tendenz beobachten wir schon länger. Das gilt besonders, wenn eine Branche in eine Krise gerät und erst recht, wenn prominente Schadenfälle diese Entwicklung noch untermauern. Bei den letztjährigen Vertragsverlängerungen haben wir bereits erlebt, dass Versicherungssummen zurückgenommen und Prämien erhöht wurden. Im Lichte von Covid-19 sehen wir jetzt, dass sich diese Tendenzen extrem verschärfen. So nehmen Versicherer z.B. inhaltliche Beschränkungen wie die Aufnahme von Insolvenzausschlüssen vor. Manche Branchen, wie Tourismus, Luftfahrt und Automobil, erhalten teils nur mit erheblichen Anstrengungen überhaupt noch Deckung, im Extremfall auch keinen oder lückenhaften Schutz. Ein erster großer D&O-Versicherer hat sich kürzlich für dieses Jahr aus dem Neugeschäft zurückgezogen, andere Versicherer bestreiten zwar offiziell eine Einstellung des Geschäftsbetriebes. Das in der Praxis an den Tag gelegte defensive Zeichnungsverhalten ist dem allerdings gleichzusetzen. Zudem hat ein Versicherer das Deutschlandgeschäft eingestellt. Alles dies führt im Ergebnis dazu, dass die Deckungskapazitäten für die Wirtschaft zurückgehen, in manchen Bereichen dramatisch.

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Marcel Roeder
Chief Broking Officer – Specialty
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